Spendenaktion

Wie eine Deutsch-Afghanin aus Göttingen den Menschen in Kabul hilft

Armut und Hunger breiten sich seit dem Umsturz in Afghanistan aus. Die Göttingerin Sadaf Hajati hat mit ihrer Spendenaktion schon mehreren Dutzend afghanischen Familien geholfen.

Die Göttingerin Sadaf Hajati sammelt via Instagram Spenden für Afghanistan

von Urs Mundt

Göttingen. Sadaf Hajati schiebt das Anatomie-Lehrbuch beiseite und spielt auf dem Tablet ein Video ihrer Cousins in Kabul ab. Junge Männer tragen säckeweise Reis, Bohnen, Tee und Nudeln in einen von meterhohen Mauern umgebenen Hof. Dort sortieren sie die Lebensmittel zu Haushaltsrationen, um sie an alleinstehende Frauen und notleidende Familien in der Nachbarschaft zu verteilen. Finanziert wurde die Hilfsaktion durch Spenden, die Hajati unter anderem über ihren Instagram-Kanal im Freundes- und Bekanntenkreis eingeworben hat. Ihre beiden Cousins kümmerten sich um die Logistik vor Ort in Kabul.

Die 25-jährige Deutsch-Afghanin studiert Zahnmedizin in Gießen und ist in Göttingen aufgewachsen. Dort besucht sie an den Wochenenden regelmäßig ihre Eltern. Die Familie floh 1996 von Afghanistan nach Deutschland, als die Taliban zum ersten Mal Kabul einnahmen. Damals war Hajati zwei Monate alt. Im August 2021 eroberten die Taliban die afghanische Hauptstadt zum zweiten Mal.

Was sie am meisten schockte

Fassungslos verfolgte Hajati die Ereignisse im Fernsehen. „Was mich am meisten schockierte, waren die Bilder und Videos, in dem sich junge afghanische Männer an Flugzeugen festhalten“, sagt sie. Das Gefühl der Ohnmacht quälte sie. Sie weinte nächtelang und beschloss dann zu helfen. Mit ihrer privaten Spendenaktion sammelte sie bislang mehr als 3.000 Euro und schickte das Geld an ihre Cousins in Kabul.

Seitdem die Taliban wieder herrschen, ist vielen Familien das Einkommen weggebrochen. Vor allem das Leben von Mädchen und Frauen habe sich radikal verschlechtert, erklärt Hajati. „Für Frauen ist es schon gefährlich, überhaupt vor die Tür zu gehen“, sagt sie und öffnet eine Videobotschaft ihres Cousins Milad Majidi. „Die Frauen haben kein Recht mehr auf Bildung, kein Recht mehr zu arbeiten“, sagt er. „Arbeitslosigkeit in diesem Maße ist eine Tragödie. Jeder von uns wünscht sich ein geregeltes Leben und einen Arbeitsplatz in einem sicheren Land.“

Laut Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen steht Afghanistan am Rande des wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Akute Mangelernährung übersteige in 27 von 34 Provinzen die Notfall-Schwellenwerte. Fast 23 Millionen Afghanen, mehr als die Hälfte der Bevölkerung, haben jetzt schon nicht genügend zu essen und sind von akutem Hunger bedroht. Nach dem trockenen Sommer könne sich die Lage im Winter zur weltweit schlimmsten humanitären Krise entwickeln, sagte der Exekutivdirektor des WFP, David Beasley, im November der BBC. Er rechne mit der „Hölle auf Erden“.

Bundesregierung in der Kritik

Mit den von Hajatis Cousins gekauften Lebensmitteln kommen mehr als 50 Familien fürs erste zurecht, sagt Hajati. Mit der Spendenaktion möchte sie auch dafür sorgen, dass Deutschland Afghanistan nicht vergisst. Aus ihrer Sicht tut die deutsche Regierung viel zu wenig, um den Afghanen vor Ort zu helfen und Ausreisewillige aus dem Land zu holen. Die bürokratischen Hürden, etwa im Visumverfahren, seien immer noch viel zu hoch. Viele aus ihrer Familie und ihrem Bekanntenkreis seien davon betroffen.

Es geht weiter

„Ich frage mich ganz oft, was aus mir geworden wäre, wenn meine Eltern nicht geflohen wären“, sagt Hajati. Es sei ihr Glück, in Deutschland leben zu können. „Vielen Frauen in Afghanistan denken, dass sie sich ihrem Schicksal und Elend fügen müssen – im Moment wohl leider zu Recht. Ich wünsche mir, dass sie vielleicht durch mich und auch viele andere Afghaninnen hier in Europa sehen, dass eine Frau es sehr weit bringen kann.“

Die Hilfsaktion wollen sie und ihre Cousins bis auf weiteres fortsetzen. „Jeder Cent, jeder Euro hilft. Bitte spendet“, schreibt sie auf Instagram. Die Grafik zum Spendenaufruf hat sie mit der schwarz-rot-grünen Trikolore der im Sommer untergegangenen afghanischen Republik unterlegt. „Das Grün der Flagge steht für Hoffnung“, sagt sie. (epd)

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