Zum Tag der verstorbenen Kinder

Wie ein Pastor den Selbstmord seines Sohnes bewältigte

Nach dem Suizid nimmt sich der mecklenburgische Pastor eine Auszeit. Erst Gespräche mit einem befreundeten Theologen helfen. Von Nicole Kiesewetter

Neubrandenburg. Es war ein Suizid mit Ankündigung. Rund drei Wochen vor seinem Tod hatte Jonas am Telefon zu seinem Vater gesagt: "Papa, ich könnte mir vorstellen, dass ich mir das Leben nehme." Da war Jonas wegen seiner Depressionen bereits seit einiger Zeit in psychiatrischer Behandlung. "Natürlich habe ich mir Sorgen gemacht", sagt sein Vater, ein evangelischer Pastor in Mecklenburg. "Aber ich dachte, er ist dort in guten Händen". Am zweiten Sonntag im Dezember, in diesem Jahr am 13. Dezember, ist der Weltgedenktag für verstorbene Kinder. Weltweit finden in diesen Tagen dazu Gottesdienste statt.
An einem Juni-Tag im vergangenen Jahr traf Jonas dann nicht wie verabredet zum Kaffeetrinken bei seiner Mutter ein. Der 34-Jährige hatte seine Suizid-Ankündigung wahr gemacht. Sein Vater erfuhr davon am Telefon. Zunächst habe er einfach nur funktioniert, erinnert er sich an die Situation vor anderthalb Jahren. Doch schnell habe er gemerkt, dass er erst einmal nicht arbeiten kann. Er könne nicht anderen seelsorgerlich beistehen, wo er selbst mehr Fragen als Antworten hatte.

Gedenken in der Adventszeit – ganz bewusst

Der Weltgedenktag für verstorbene Kinder wurde bewusst in die Adventszeit gelegt. "In den besonderen Tagen der Adventszeit, wenn das Jahr ausatmend sich dem Ende neigt, wird die Abwesenheit verstorbener Kinder oft schmerzlich bewusst", sagt die Neubrandenburger Krankenhausseelsorgerin Anke Leisner. Die Familie trauere um all die ungelebten Jahre, die ungelebten Träume, um den Verlust all dessen, was sie mit ihrem Kind verband. "Doch in unserer leistungsorientierten Gesellschaft ist die Trauer oft unerwünscht", sagt Leisner.
Der Pastor hat sich nach dem Tod seines Sohnes eine Auszeit genommen, um die Trauer und seine "Achterbahn der Gefühle" zuzulassen. Existenzielle Fragen beschäftigten ihn: War er, der nur in den ersten sechs Lebensjahren mit seiner Familie zusammen lebte, mit verantwortlich? "In der Pubertät war ich meinen Söhnen kein Gegenüber", sagt er nachdenklich. Aber was ihn, den Pastor, mit am meisten belastete: Sein Sohn hatte eine weltliche Beerdigung bekommen – ohne die christlichen Rituale, die dem Vater so wichtig waren. "Keiner hat ihn Gott übergeben. Mich quälte die Frage: Hat Jonas seinen Frieden?"

Ein Jahr lang in Schwarz

Als Pastor weiß er aus eigenen Erfahrungen, auf welch unterschiedliche Art Menschen trauern. "Aber wenn Du Dein Kind verlierst, nützt Dir Dein Beruf auch nichts. Da fängst Du wieder ganz von vorn an." In seiner Gemeinde sei er offen mit dem Suizid seines Sohnes umgegangen, sagt er. "Ich habe es jedem erzählt, der es hören wollte." Depression sei eine Krankheit. "Jonas ist daran gestorben, dass seine Seele nicht mehr konnte." Ein Jahr lang trug sei Vater schwarz – bis zum ersten Todestag seines Sohnes.
Es brauchte viele Gespräche und den Zuspruch eines befreundeten Theologen. "Als er mir sagte: Jonas hat seinen Frieden – da ist etwas geheilt in mir." Er trauere und vermisse seinen Sohn. "Aber ich habe ihn nicht verloren, er ist bei Gott – an einem für ihn besseren Ort." (epd)