Groß Kiesow (MV)

Wie ein kleines Dorf mit dem Unfall-Schock lebt

Vier Menschen starben im August bei einem Unfall im beschaulichen Groß Kiesow (MV). Der Pastor im Ort begleitet die Trauernden – und hat selbst mit seinem Schmerz zu kämpfen.

Pastor Andreas Schorlemmer am Ort des Unfalls

von Christine Senkbeil

Groß Kiesow. „Vor Weihnachten ist der Schmerz noch einmal besonders groß“, sagt Andreas Schorlemmer aus Groß Kiesow. Der Pastor im Ruhestand begleitet die Trauernden im Dorf – und ist eigentlich selbst einer von ihnen. Schließlich lebt er seit 42 Jahren in dem 500-Einwohner-Ort bei Greifswald, wohnt noch heute im Pfarrhaus.
Die Horrornacht zum 6. August: Andreas Schorlemmer ist eigentlich schlimme Szenarien gewohnt, jahrelang arbeitete er als Polizei- und Notfallseelsorger für Mecklenburg-Vorpommern, war live dabei an unzähligen Unglücksorten. Doch dieser Unfall, praktisch vor seiner eigenen Haustür, von Menschen, die er kannte – ihm ist anzusehen, wieviel Kraft es ihn kostet, immer nur der Tröstende zu sein. „Das Leben geht weiter“, sagt er. „Ja. Aber wie?“
Wochen danach steht er nun noch einmal am Unfallort: an der alten Weide am Ortseingang von Groß Kiesow, gegenüber dem Kuhstall. Auch der Baumstamm hat tiefe Wunden. Sie sind verdeckt von Blumen, Kerzen und Plüschtieren – letzten Grüßen an die Verstorbenen. Versonnen betrachtet Schorlemmer das Grabmahl. Sein Blick wandert über Engel und Schleifen hinunter auf die Erde. Gras ist inzwischen über die Spurrillen gewachsen, die das aus der Kurve geschleuderte Auto in den Acker gezogen hatte. „Hier lagen sie alle vier aufgebahrt“, sagt er leise und zeigt die Stelle auf dem Feld. Als könne er das alles noch immer nicht glauben. Er war dabei, als die Feuerwehr die Toten aus dem Auto schneiden musste. Noch nachts hatte man ihn geholt.

Zu schnell, nicht angeschnallt

Nach einer großen Feier war es passiert. Die 20-Jährige Fahrerin, Esma N., war zu schnell gefahren. Zu viele Leute saßen im Wagen, und außer ihr war niemand angeschnallt. Als der Skoda mit der Weide kollidierte, waren sie und ihr Vater, Jan N. und zwei Mitarbeiter aus der Milchviehanlage sofort tot, Andreas K. und Marc S. aus Groß Kiesow. Ein junges Paar aus Holland überlebte und kam schwer verletzt ins Krankenhaus.
Schorlemmer schaut jetzt bei den Jungs im Kuhstall vorbei. Den Kollegen, oder sagen wir: eigentlich eng verbundenen Freunden zweier verunglückter Männer. „Ich setz‘ Kaffee an“, sagt Joachim Mielke und führt vom Stall den gefliesten Gang entlang. Jens, Kollege und Sohn, holt schnell noch ein Bierglas voller Milch dazu. Frisch gezapft, versteht sich. Und auch Jurin Lalkens unterbricht seine Arbeit so lange. Hier, in dieser schmucklosen Pausenküche mit Neonröhren an der Decke und Wachstuchdecke auf dem Tisch, reden sie mit dem Pastor über das Unfassbare. Stockend zuerst, so richtig gibt es noch keine Worte.
„Hier stehen noch die Marmeladengläser von Andreas“, zeigt Joachim. „Alles Mögliche einkochen, das war immer seins.“ Andreas Kathke war ihr Vorarbeiter. „Er wusste mit allem immer Bescheid“, sagt Jens. „Mit den Tieren und so. Das fehlt mir auch: Man kann ihn nichts mehr fragen. Er war immer hier, und wenn du jetzt allein über den Hof läufst, denkst du, er kommt gleich um die Ecke.“

Friedhof – ein kollektives Gedächtnis

Vor zehn Jahren hatte Jan Wieland aus Holland, der ebenfalls verunglückt ist, die Milchanlage gekauft. Sie hatten gut zusammengearbeitet. Trotzdem musste er in diesem Jahr das Geschäft auflösen. Jurin, auch aus Holland, übernahm den Betrieb. 250 Milchkühe versorgen sie nun und ziehen außerdem Jungtiere bis zum Kalben für Bauern in Niedersachen auf, die zu wenig Platz haben.
„Das Schlimmste ist, dass man sich nicht verabschieden konnte“, sagt Jens. Sein Vater zeigt auf die Kachelwand. Auf das Bild neben dem Nackte-Frauen-Kalender. Es zeigt die Todesannonce eines Kollegen. Er war auch erst vor einem Jahr an Krebs gestorben. Kurz vor seinem eigenen Tod hatte Andreas dieses Andenken an den Kollegen hierher gehängt. „Bei ihm hat man wenigstens gewusst, dass es kommt“, sagt Joachim.
Joachim sieht aus wie einer, der anpacken kann. Gelernter Schäfer. Seit 25 Jahren arbeitet er hier. Zum Friedhof, sagt er, kann er nicht gehen. „Ich bin am Wasser gebaut. Was liegen da Leute, die ich kenne. Viel zu viele!“ Aber er weiß ja, wo sie liegen.
„Der Friedhof ist eine Art kollektives Gedächtnis im Ort“, sagt Schorlemmer. Jens zum Beispiel geht oft ans Grab von Andreas. „Wenn ich morgens Langeweile habe, gucke ich nach dem Rechten“, sagt er.
Ihnen allen war es wichtig, dass es eine gute Beerdigung gibt. „Das war top!“, sagen die drei. „Ich weiß, dass er vernünftig unter die Erde gekommen ist, nicht wie ein Hund. Das ist was, was mir gut tut!“, sagt Joachim.

Andacht am Abend nach dem Unfall

An die Beerdigung erinnert sich auch Schorlemmer überwältigt. „Seine Freunde wollten ganz viel selbst gestalten, kamen mit einem Hänger voller Strohballen und Milchkannen als Kirchenschmuck und einer Leinwand für Projektionen“, erzählt er. „Das Engagement war toll. Ich habe auch gelernt, dass wir als Kirche dann nicht auf unserer alten Liturgie bestehen sollten. Wir können ihnen etwas zutrauen!“
„Wir haben etwas erlebt, das alles übersteigt“
Orgel zum Beispiel wollten die Freunde und Angehörigen nicht. „Die kommt in ihrer Lebenswelt nicht vor!“, sagt Schorlemmer. Die Lieder von Michael Turban, dem Chef der Greifswalder Band „Seeside“, aber, die Gottvertrauen thematisieren, die waren genau richtig. Die Trauerfeier bewegte 300 Menschen zutiefst.
„Das war auch gut, dass du gleich am Abend nach dem Unfall noch die Andacht in der Kirche gemacht hast!“, sagt Joachim zum Pastor. „Da war, glaube ich, das ganze Dorf!“, sagt er. Trost? Eigentlich gibt es keinen. „Du schläfst abends ein mit den Gedanken und wachst morgens damit wieder auf“, sagen sie. Ob sie sich oft an die schönen Erlebnisse erinnern, fragt Schorlemmer, der sowohl Andreas als Joachim und später auch Jens aus dem Konfirmandenunterricht kennt.

Offene Kirche

Und dann hellen sich ihre Minen auf. „Klar!“, sagt Jens. „Gestern nach dem Mähen zum Beispiel dachte ich: Andreas hätte jetzt bestimmt gesagt: So. Schon wieder was fertig!“ Die anderen nicken. „Er hat sich zu allem immer so gefreut. Und das hat uns gefreut“, sagen sie.
Wer nun Schuld trägt – diese Frage ist es nicht, die hier in Groß Kiesow bewegt. Ganz sicher auch dies ein Verdienst des Pastors. „Wir machen alle mal unüberlegte Sachen“, sagt er.
Die Menschen im Dorf sind näher zusammengerückt seit dem Unglück. „Wir haben etwas erlebt, das alles übersteigt“, sagt der Pastor. Dass er da war, dass die Kirche da und offen war – auch das wird hier nicht weiter thematisiert. Es gehört eben einfach noch dazu im Dorf. Und doch ist deutlich zu spüren, wie wichtig es allen hier ist. „In der Trauer wachsen Menschen zusammen“, sagt Andreas Schorlemmer. „Auch in dem, was sie verloren haben, wächst etwas Neues.“

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren