Neues Programm

Wie die katholische Kirche den Umbruch bewältigen will

Zu viel Fläche, zu wenig Gläubige und Pfarrer: Worunter die Protestanten in Vorpommern stöhnen, leiden die Katholiken noch viel mehr.

Bischof Heiner Koch übergibt zum Start des neuen pastoralen Raums Rügen- Stralsund-Demmin den Akteuren eine Kerze

von Anja Goritzka

Stralsund/Greifswald. Rund 14 200 Katholiken leben verstreut in ganz Vorpommern, noch in acht eigenständigen Gemeinden organisiert. Doch seit dem 1. Advent 2012 läuft im Erzbistum Berlin, zu dem auch Vorpommern gehört, ein großer Umbauprozess. Die Hoffnung hat diesem katholischen Reformprogramm den Namen diktiert: „Wo Glauben Raum gewinnt“, heißt es.
Statt der eigenständigen Gemeinden soll es in Berlin, Brandenburg und Vorpommern künftig „pastorale Räume“ geben – Gemeindezusammenschlüsse mit weit größerer Fläche als bisher, mit jeweils mehreren Pfarrern und einem Verwaltungsangestellten. In Vorpommern sollen nach bisheriger Planung aus den acht Gemeinden bis 2020 drei „pastorale Räume“ werden. Die drei leitenden Geistlichen für diese Pfarreien sitzen dann in Greifswald, Stralsund und Pasewalk.

Keine Schließungen

Ein Sparprogramm? „Wir schließen keine Kirchorte“, betont der katholische Propst Frank Hoffmann aus Greifswald. Auch Priesterstellen würden nicht gestrichen. Eher gehe es darum, Synergieeffekte zu erreichen, Aufwand zu sparen. In Vorpommern, um am Beispiel zu bleiben, soll es nur noch drei statt acht Pfarrgemeinderäte und Kirchenvorstände geben. Und Verwaltungsaufgaben sollen nicht mehr beim Priester liegen, sondern durch einen Verwaltungsspezialisten professionalisiert werden.
Arbeitsbereiche würden zudem neu strukturiert, erklärt Hoffmann. Beispielsweise die Jugendarbeit: Sie könnte an einem Ort konzentriert werden, statt überall ein bisschen stattzufinden. So könnte sich die katholische Jugend vielleicht in Stralsund versammeln, die Altenarbeit in Demmin ihren Schwerpunkt haben – und ein Bus würde die Leute aus ganz Vorpommern einsammeln.
Im Moment jedoch steht alles noch am Anfang. Drei Jahre konnten die Gemeinden über ihre Zukunftsvorstellungen nachdenken. Die Pfarreien durften selbst entscheiden, mit welcher anderen sie zusammengehen wollen. Anfang März gab der katholische Bischof Heiner Koch mit einem zweitägigen Besuch den Startschuss für die Erprobung des ersten pastoralen Raums in Vorpommern. Zwischen Fischland/Darß, Zingst, Rügen, Stralsund, Grimmen und Demmin mit Altentreptow erstreckt er sich nun.

Größte Pfarrei Deutschlands

Die flächenmäßig größte Pfarrei Deutschlands entsteht so, mit einer Nord-Süd-Ausbreitung von 150 Kilometern. Nur rund 6 530 Katholiken leben hier, elf Gottesdienststandorte gibt es. Das „Bodenpersonal“ soll erhalten bleiben: Derzeit arbeiten auf dem Gebiet drei Priester, es gibt 1,5 Diakonenstellen, zwei Gemeindereferenten und viele andere katholische Akteure wie die Caritas und die Malteser. Enger als bisher sollen alle im Alltag zusammenarbeiten.
Der Prozess wird bei den Gläubigen teils als Chance begriffen wird, stößt aber auch auf Kritik. Für die Katholiken rund um Demmin war es beispielsweise ein heikler Prozess, Kooperationspartner zu wählen, wie Pfarrgemeinderatsvorsitzender Herbert Frank beschreibt. Anklam stand zur Debatte. „Aber schnell war klar, dass wir mit Anklam keine Gemeinsamkeiten haben“, sagt er. Das Gefühl der Verbundenheit fehlte, „die meisten fühlten sich zu Stralsund hingezogen.“
Und Greifswald als Partner? „Die Stadt ist im Kontrast zu Demmin sehr groß und sehr aktiv durch die Universität. Da könnten wir es schwer haben“, erklärt Frank. So entschieden sich die Demminer, mit dem weiter entfernten Stralsund zusammen zu gehen.

Lange Wege in MV

Doch die Wege zwischen den einzelnen Orten katholischen Glaubens in Vorpommern sind lang, die Zeiten für die Arbeit vor Ort knapp bemessen, sowohl für die Haupt- als auch für die Ehrenamtlichen. Vorpommern ist eben ein Flächenland, schwer vergleichbar mit der Großstadt Berlin, aus der die Reformideen kommen. Gemeindeglieder sehen hier Kritikpunkte an den Plänen aus dem Erzbistum. Die Reform setze auf ein gestärktes Ehrenamt. Doch was für die Stadt durchaus funktionieren könne, gestalte sich in der Fläche schwierig. „Die Entwicklung laugt das Ehrenamt aus“, fürchten Greifswalder Gemeindemitglieder.
In der Hansestadt mit dem Sitz des Propstes soll der zweite der drei neuen pastoralen Räume entstehen: mit Anklam, Wolgast und Usedom. Insgesamt soll es dann in dem riesigen Gebiet entlang der Ostseeküste sieben Gottesdienststandorte und vier Priester für 4 660 Katholiken geben. Was das konkret bedeutet? Der Greifswalder Kaplan Christoph Butschak ist überzeugt: „Wir müssen es anders machen als in der Stadt. Das müssen wir auch ganz klar in Berlin anmerken, dass vieles hier nicht so funktioniert wie dort.“
Dennoch müssten sich die Katholiken aus der Gemeinde mit anderen Akteuren neu zusammenfinden. Einige Schritte auf diesem Weg sind bereits gegangen, manches funktioniert schon jetzt nur gemeinsam. Veränderungen, die auch die normalen Gemeindeglieder spüren. Bei der Firmung etwa, die wegen der wenigen Jugendlichen nicht mehr in jeder katholischen Gemeinde läuft, sondern zentral. Das heißt auch: mehr Fahrerei. Für den Unterricht müssen Jugendliche von Rügen einmal im Monat nach Pasewalk fahren, die Pasewalker im nächsten Monat nach Demmin. Gemeinsam werden sie dann in Greifswald gefirmt – nicht jeder in seinem Dorf.

Neue Ideen gefragt

Die Hauptamtlichen müssen für die Vorbereitungstreffen ebenfalls weit übers Land fahren. „Vielleicht kann man hier aber auch mal auf technische Mittel zurückgreifen: Google-Hangouts oder Skype-Telefonate wären möglich“, meint der Verwaltungsleiter für den pastoralen Raum Stralsund-Rügen-Demmin Markus Kolbe.
Neue Ideen sind ohne Zweifel gefragt, sagt der Greifswalder Pfarrer Frank Hoffmann. Er sieht den ganzen Prozess als Chance für die Katholiken in der Diaspora. Sein Blick richtet sich dabei vor allem auf „kleine Zellen des Glaubens“, die gestärkt werden müssten. Zum Beispiel: Familien. Der Glaube müsse von den Menschen vor Ort getragen werden, sagt er. „Wenn es einen Ort gibt, an dem der Leib Christi lebt, auch außerhalb eines kirchlichen Gebäudes, dann sollte dieser Ort unterstützt werden.“ So wie in Görmin bei Greifswald: Hier leben seit einigen Jahren aktive ökumenische Familien, die durch ihr Leben vor Ort neues Glaubensleben schaffen. „Hier müssen wir uns fragen: Wie können wir die Menschen vor Ort unterstützen?“, erklärt Hoffmann.
Lernen, dass nicht jeder alles alleine machen muss, gehört für ihn dazu. „Jetzt in der Entwicklungsphase des Prozesses können wir nicht alles machen, aber die Dinge, die wir mit anpacken, machen wir richtig intensiv“, meint der Greifswalder Propst. Dazu gehöre auch der Ökumenische Kirchentag Vorpommern, der im September 2017 in Greifswald stattfinden wird und wesentlich von der Greifswalder Gemeinde mit vorbereitet werden soll. Damit der Glaube am Ende eben doch wieder Raum gewinnt.

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