Überkonfessionelles Projekt in Lübeck

Wie aus einem Kornspeicher ein Kolumbarium wird

Angehörige sollen bald zwischen Grabkammern wählen können und persönliche Gegenstände der Verstorbenen ausstellen lassen. Noch haben allerdings die Handwerker das Sagen.

So soll es im Kornspeicher nach dem Umbau zum Kolumbarium aussehen

von Nadine Heggen

Lübeck. Die Idee hätte dem Literaturnobelpreisträger Thomas Mann sicher gefallen: In einem Lübecker Kornspeicher, der einst im Besitz seiner Familie war, soll ein Kolumbarium entstehen. Das Konzept ist bundesweit einzigartig: Mit einem konfessionell unabhängigen „Gedächtnisspeicher“ wollen die Gründer Michael Angern und Peggy Morenz die Toten aus der Anonymität holen. „Sie sollen nicht spurlos verschwinden, sondern etwas von ihnen soll bleiben“, sagt Michael Angern. Diese Idee will das Paar bei der Gestaltung der Urnenkammern mit maximaler Ästhetik kombinieren. Im März 2021 soll der Speicher, der den Namen „Die Eiche“ trägt, eröffnet werden.

Im Moment ist das siebenstöckige Backsteingebäude mit den grünen Fensterläden am Lübecker Hafen noch eingerüstet. Handwerker gehen ein und aus, ein Fahrstuhl wird eingebaut, der ursprüngliche Dielenboden freigelegt. Nach der Fertigstellung soll es im Erdgeschoss eine Trauerhalle mit 80 Sitzplätzen und eine kleine Kapelle geben. Von unten kann man in die oberen beiden Stockwerke gucken, die das Paar mit viel Liebe zum Detail ausstatten will.

Bibliothek mit historischen Urnen

Anders als sonst in Kolumbarien üblich sind stilistisch unterschiedliche Räume vorgesehen. Neben einem Spiegelsaal ist eine Galerie geplant, mit Fotos der Toten auf den Türen für die Urnen. Auch eine Bibliothek mit historischen Urnen zum Mieten wird eingerichtet sowie ein Vitrinenraum, in dem man persönliche Gegenstände der Toten ausstellen kann. Auf jeder Etage soll es Sitzgelegenheiten geben.

Der Kornspeicher „Die Eiche“ am Lübecker Hafen Foto: Privat

„Das Kolumbarium soll kein trauriger, sondern ein positiver Ort werden, an dem man Trost findet“, sagt Peggy Morenz. So sind in der Trauerhalle auch kleine Lesungen und Abendmusiken geplant. Gleichzeitig greift das Paar einen Trend auf: Feuerbestattungen nehmen immer mehr zu. In Kolumbarien müssen Angehörige sich nicht um die Grabpflege kümmern, haben aber einen Ort zum Trauern. Das Paar hat sich für die Gestaltung des Speichers von verschiedenen Museen und Grabkulturen inspirieren lassen. Fachlich beraten wurden sie von der Theologischen Fakultät in Rostock.

IT-Firma verkauft – fürs Kolumbarium

In Lübeck gibt es bislang zwei Kolumbarien. Unterhalb der Pamir-Kapelle in der Altstadtkirche St. Jakobi befinden sich 350 Urnenkammern. Auf dem Vorwerker Friedhof wurde eine nicht mehr benötigte Leichenhalle 2011 zu einem Kolumbarium umgebaut.

Vor sechs Jahren haben der IT-Spezialist und die Gestalterin den historischen Speicher an der Untertrave gekauft. Ursprünglich brauchte Michael Angern Platz für die Expansion seiner Software-Firma, die Bestattungsunternehmen als Kunden hat. Während eines Seminars über alternative Bestattungsformen kam dem Lübecker dann die Idee, den Speicher zu einem Kolumbarium umzubauen. „Seitdem haben wir quasi rund um die Uhr an dem Konzept für den Speicher gearbeitet“, sagt Angern, der seine IT-Firma inzwischen verkauft hat. Das Geld steckte er in den Umbau des Speichers, der im Frühjahr 2020 begann.

Peggy Morenz und Michael Angern Foto: Privat

Insgesamt wird das Projekt eine siebenstellige Summe kosten. Träger soll die Heilsarmee werden. Die Erträge werden in eine noch zu gründende Stiftung fließen, die sich der Förderung von Bestattungskultur widmet. Dennoch betont das Paar, dass das Kolumbarium keinen elitären Charakter haben wird. Die Preisliste entspreche der eines normalen Friedhofs, so Peggy Morenz. „Grabstätten im Gemeinschaftsgrab sind für unter 2.000 Euro zu bekommen.“ (epd)

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