Gebete statt Gleise in Hannover

Wie aus einem Bahnhof eine Synagoge wurde

Das ist bundesweit einmalig: Die jüdische Chabad-Bewegung nutzt in Hannover einen früheren Bahnhof als Synagoge und Bildungszentrum. Ein Ortsbesuch.

Mitten in der Synagoge: Shterna Wolff, Vorsitzende von Chabad Lubawitsch Niedersachsen, und der Rabbiner Levi Gottlib

von Michael Grau

Hannover. Ein früherer Bahnhof ist sein Arbeitsplatz. Damit hätte der 24-jährige Levi Gottlib aus Hannover vor einem Jahr noch nicht gerechnet, als er in Israel ausgebildet wurde. Doch der neue Rabbiner der jüdischen Chabad-Bewegung in Niedersachsen nimmt es mit Humor. „Aus der Zugstation ist eine Gottesstation geworden“, sagt er und übersetzt das Bonmot spielerisch vom Englischen ins Deutsche und wieder zurück.

Deutsch hat er sich während der vergangenen Monate angeeignet. In dieser Zeit entstand auch die Synagoge, in der er künftig tätig sein wird: Die Chabad-Bewegung, die jüdische Traditionen in aller Welt stärken will, ließ dafür den 1911 errichteten früheren Bismarck-Bahnhof in Hannovers Süden umbauen, den sie zuvor von einem Privatmann gekauft hatte – ein einzigartiges Projekt in Deutschland. Das Gebäude heißt jetzt „Haus Benjamin“ – in Erinnerung an Gottlibs Vorgänger, den im vergangenen Jahr verstorbenen Rabbiner Benjamin Wolff.

Offenes Ohr für alle

Ab und zu donnert ein Zug vorbei, doch Levi Gottlib stört das nicht. Dazu ist auch gar keine Zeit, denn in dem denkmalgeschützten Gebäude ist immer etwas los. Mal kommen Handwerker vorbei, um dem neuen Bildungszentrum den letzten Schliff zu geben. Mal fragen Reisende nach dem Weg zum S-Bahn-Haltepunkt gleich nebenan. Und mal kommen jüdische Gemeindeglieder für ein rasches Gebet herein. Levi Gottlib will ein offenes Ohr für alle haben, deshalb ist er täglich im „Haus Benjamin“ präsent, einer von vier Synagogen in Hannover.

Aus dem ehemaligen Bismarck-Bahnhof wurde das „Haus Benjamin“ Foto: Carsten Kalaschnikow / epd

Gottlib trägt die klassische festliche Kleidung der orthodoxen Chabad-Gemeinschaft: weißes Hemd, schwarzer Anzug, auf dem Kopf ein schwarzer Hut. „Nicht wegen einer religiösen Regel, sondern aus Tradition“, erläutert der Rabbiner. Eigentlich genüge die Kippa als religiöse Kopfbedeckung. Aber viele fromme Juden hätten einfach das Bedürfnis, gut gekleidet zu sein. Levi Gottlib ist zwar in Israel geboren, aber in der Ukraine aufgewachsen. Auch sein Vater ist Rabbiner und arbeitet dort als Abgesandter der tief religiösen Chabad-Bewegung.


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Sein deutsch klingender Name stammt aus dem Jiddischen. „Er ist unter Juden weit verbreitet.“ Schon als Junge habe er die Tora studiert, erzählt er. Später ließ er sich an einer Talmud-Hochschule zum Rabbiner ausbilden. „Wir wollen Licht in diese Welt bringen“, so beschreibt er die Mission der Chabad-Bewegung: „Jeder muss alles, was er kann, an andere Menschen geben, um die Welt besser zu machen.“

Ausgerichtet nach Jerusalem

Dass Levi Gottlib nach Hannover gekommen ist und jetzt im alten Bismarck-Bahnhof tätig ist, liegt auch an seiner Ehefrau Mussia. Sie ist die Tochter von Shterna Wolff, der Leiterin von Chabad Niedersachsen. Die Bewegung habe lange nach einer Immobilie für die immer größer werdende Gemeinschaft in Hannover gesucht, erzählt Wolff. „Es war unser Traum, ein eigenes Zentrum zu haben, und es war ein Wunder, dass wir diesen Ort gefunden haben.“ Denn der vor mehr als 40 Jahren stillgelegte Bahnhof ist aus ihrer Sicht wie geschaffen für ein Bildungszentrum mit Synagoge. „Dieser Ort ist genau nach Jerusalem ausgerichtet.“

Viel musste an dem Gebäude nicht verändert werden, erzählt Wolff. Lediglich die große zentrale Treppe wurde abgebaut. Stattdessen führt jetzt eine kleine Treppe seitlich hoch zur Empore. Im Zentrum der ehemaligen Schalterhalle steht jetzt die „Bimah“, die große Lesekanzel für das Rezitieren der hebräischen Tora. Und der Schrein mit den Tora-Rollen, das Herzstück jeder Synagoge, hat seinen Platz in einem gemauerten Rundbogen direkt unterhalb der Gleisanlage gefunden.

Verwunderte Blicke

Bei ihren Freunden in Israel ernte sie oft verwunderte Blicke, wenn sie erzähle, dass sie in Deutschland lebe, sagt Wolff. Deutschland – das sei doch das Land des Holocaust. Wolff und Gottlib haben sich dennoch bewusst entschieden, hier zu leben. „Wir wollen zeigen, dass das Judentum hier noch mal wächst“, sagt Wolff: „Wir sind gekommen, um zu bleiben.“ Und Levi Gottlib drückt es so aus: „Ich bleibe, bis der Messias kommt.“ (epd)

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