In Prohn bei Stralsund

Wertvolle Barockfiguren aus Kirche gestohlen

Das Fenster eingeschmissen, die Tür aufgebrochen: Unbekannte haben aus der Dorfkirche Prohn bei Stralsund drei Engel- und zwei Evangelistenfiguren gestohlen. In der Gemeinde herrscht Betroffenheit.

Gestohlen: ein Engel sowie die Figuren, Lukas und Matthäus

von Sybille Marx

Prohn. „Wer macht denn sowas!?“ Diese Frage, entsetzt und mitfühlend gestellt, hört Pastorin Mechthild Karopka seit knapp drei Wochen immer wieder. Denn Unbekannte waren im September in die Dorfkirche Prohn eingebrochen und hatten fünf barocke Figuren aus dem Kirchenraum gestohlen, darunter drei Evangelisten und zwei Engel aus dem 18. Jahrhundert, vier von ihnen gefertigt von dem eher unbekannten Bildhauer Jacob Freese; eine von Elias Kessler, einem bekannteren Holzbildhauer aus Stralsund.

Rund 85 Zentimeter sind diese Figuren hoch. Aus Holz gefertigt und vergoldet. Ihren Wert schätzen Polizei und Gemeinde unterschiedlich ein. „Wir gehen von mehreren zehntausend Euro pro Figur aus, die Polizei von sehr viel weniger“, erzählt Mechthild Karopka. Genaueres ermittle jetzt eine Expertin der Nordkirche.

Mit Gewalt aufgebrochen

Den Moment, als sie den Verlust bemerkte, wird die Pastorin jedenfalls so schnell nicht vergessen. Am 22. September war es, kurz vor dem Sonntagsgottesdienst. „Als ich in die Kirche kam, hatte ich schnell das Gefühl, dass etwas nicht stimmt“, sagt sie. Ein abgerissenes Papiertischtuch lag über den Kirchenbänken, Spuren von Holzmehl bemerkte sie als nächstes auf dem Boden; zersplitterte Glas in einem kleinen Fenster und herausgebröckelte Stellen an der Tür. „Die muss jemand mit Macht von innen aufgebrochen haben.“ Aber dann vor allem: die fehlenden Figuren.

Drei von ihnen – ein Engel und die Evangelisten Matthäus und Lukas – waren einst für den früheren barocken Altar der Kirche geschaffen worden und standen seit Jahrzehnten in einer Nische an der Südwand. „Wir hatten gerade beschlossen, sie besser zu sichern“ , erzählt die Pastorin. Dann der Diebstahl. „Das ist schon dubios.“

Die beiden weiteren Figuren lagen seit längerem schwer beschädigt im Beichtstuhl der Kirche: ein Engel, der ursprünglich ebenfalls für den Altar gedacht war, aber 1882 auf den Beichtstuhl gesetzt wurde. Und der Torso eines Pultengels, den Elias Kessler um 1725 geschaffen hatte. „Die waren von außen gar nicht zu sehen“, sagt Pastorin Karopka. Nur Insider hätten gewusst, dass sie im Beichtstuhl lagen.

„Sie wussten nicht, was sie da stehlen“

Ob es der Polizei gelingen wird, die vermissten Engel und Evangelisten wieder zu finden, bleibt abzuwarten. „Hoffnung ist bei mir schon da, angesichts der weltweiten Vernetzung und weil die Figuren einmalig sind“, sagt die Pastorin. Zumal sie den Beamten eine sehr genaue Beschreibung liefern konnte. Der freischaffende Kunsthistoriker Detlef Witt hatte die Kunstschätze der Gemeinde schon früher mit Fotos und beschreibenden Angaben dokumentiert. „Wir sind sehr froh darüber“, sagt Mechthild Karopka. Sogar Inventarnummern, die sich auf der Rückseite der Figuren befinden, habe man den Kriminalbeamten weiterleiten können.

Detlef Witt vermutet, dass der oder die Täter gar nicht recht „wussten, was sie da stehlen“. Skulpturen von Jakob Freese seien nur lokal von Bedeutung, nicht auf dem Kunstmarkt, meint er. Und der Kessler-Engel sei extrem restaurierungsbedürftig und unvollständig: Den Dreifuß, auf dem er mal stand, den Pult und die Engelflügel haben der oder die Diebe in der Kirche liegen gelassen. Witt hat nur Sorge, dass sie die Figuren weiter beschädigen könnten – was bei unsachgemäßer Behandlung leicht passiere.

Gemeinde rückt zusammen

Immerhin, etwas Positives hat der Diebstahl bewirkt: Alle rückten nun zusammen, sagt Mechthild Karopka. „Die Leute im Ort und in der Gemeinde waren auch vorher freundlich zueinander, aber durch das gemeinsame Schicksal fühlt man sich noch enger miteinander verbunden.“

Ob die Gemeinde Prohn ihre Wertgegenstände in den Kirchen künftig anders sichern wird als bisher, will sie mit dem Kirchengemeinderat überlegen. „Kirchen, die einfach so offen stehen, haben wir sowieso nicht“, sagt sie. Dieser Idee, die manche so propagierten, könne sie gar nichts abgewinnen, „Es lässt ja auch keiner sein Wohnzimmer offen stehen.“

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