Pastorin aus Lettland in Hamburg

Wenn Glaube in zwei Sprachen gelebt wird

Zanda Ohffs Kirche in Lettland lässt keine Frauen auf die Kanzel. Jetzt arbeitet sie als Pastorin in Hamburg – und predigt auf Deutsch.

Zanda Ohff ist heute Pastorin in Hamburg

von Catharina Volkert

Hamburg. Zanda Ohff sitzt am Bett einer Sterbenden. Weit weg scheint die Frau zu sein – welche Worte können sie noch erreichen? Die Pastorin reagiert intuitiv: Sie betet einen Psalm in ihrer Muttersprache, auf Lettisch. „Ich kenne auch nur lettische Kirchenlieder auswendig“, sagt Ohff, „mit denen bin ich groß geworden.“ Eine deutschsprachige Bibel oder ein Gesangbuch hatte sie bei diesem Besuch nicht in der Tasche. Sie wurde überraschend angerufen. Aber ist es nicht der eigene Glaube, der andere trägt – unabhängig von der Sprache?
Zanda Ohff ist Pastorin der Kirchengemeinde Wellingsbüttel. Sie ist gebürtige Lettin und hat in Riga Evangelische Theologie studiert – trotz schwieriger Umstände. Bereits seit 23 Jahren verfolgt die Kirche die Praxis, in dem baltischen Land keine Frauen mehr zum Pfarramt zuzulassen – dabei gab es in den 70er-Jahren durchaus Pastorinnen. Die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands begründet ihre Praxis mit der biblischen Grundlage – zu Zeiten Paulus’ waren keine Frauen in der Gemeindeleitung vorgesehen. Jetzt geht die Kirche noch einen Schritt weiter: Im Sommer soll die Ordination für Frauen auch offiziell abgeschafft werden.

Keine Perspektive als Pastorin

Als Zanda Ohff ihr Studium beginnt, ist ihr bewusst, dass sie kaum Chancen hat, in den Kirchen ihres Heimatlandes eine Gemeinde zu leiten. Doch ihr Wunsch, als Pastorin zu wirken, ist stärker als die kirchenpolitische Situation. „Ich wusste, dass meine Kirche keine Frauen ordiniert. Aber ich hatte immer die Hoffnung, dass sie sich ändern würde“, sagt sie.
Deswegen studiert sie für die praktischen Aufgaben einer Pastorin, besucht beispielsweise viele Kurse in Praktischer Theologie. Und sie engagiert sich in einer Kirchengemeinde, etwa im Kindergottesdienst. So trotzt sie als Studentin der Politik ihrer Kirche. „Ich hatte das Gefühl, ich habe die Berufung. Und es ging mir um die Arbeit, nicht um die Tradition“, sagt sie.
Irgendwann hat die Theologin ihr Examen in der Tasche – doch ihre Kirche weigert sich nach wie vor, Frauen zu ordinieren. Ohff wird Fortbildungsreferentin der lettischen Diakonie. „Ich war als Theologin gefragt, konnte aber auch für die Kirche arbeiten – das war ein guter Kompromiss“, meint sie heute.

Als Vikarin in der Nordkirche

2003 zieht die Theologin nach Deutschland. Eine Doktorarbeit lockt sie nach Greifswald. Die Pastorin lernt ihren heutigen Mann kennen – und bleibt. Die Lettin zieht nach Hamburg, bewirbt sich um ein Vikariat in der Nordkirche. „Ich hatte nicht gedacht, dass die mich nehmen würden“, sagt sie heute, wenn sie an ihre Bewerbung denkt.
Doch es klappt: 2012 beginnt sie mit der Ausbildung zur Pastorin – und lernt in ihrer Ausbildungsgruppe die Bandbreite der Frömmigkeiten der Nordkirche kennen. Kontroversen um das Wirken der Kirche in der Gesellschaft oder um Gottesbilder – all das wurde diskutiert. „Ich habe schnell gemerkt, dass man trotz dieser Unterschiede gut zusammenarbeiten kann“, erinnert sie sich. Dennoch bedeutet das neue kirchliche Umfeld zunächst eine Umstellung für sie. „Ich bin damit aufgewachsen, dass es in der Kirche immer um Gott geht, um die Frage, was Gott den Menschen sagt. Hier merke ich, dass der Mensch viel mehr im Mittelpunkt steht“, sagt Ohff.
Zanda Ohff ist mittlerweile seit einem Jahr Pastorin der Kirchengemeinde Wellingsbüttel. „Ich glaube, ich könnte nicht wirklich zurück. Bei Gottesdienstbesuchen in Lettland oder in der lettischen Gemeinde in Hamburg hatte ich schon das Gefühl, dass mir der Bezug auf das Hier und Jetzt fehlt“, sagt sie.

Seelsorge und Predigten auf Deutsch

Ohff führt Seelsorgegespräche auf Deutsch – nimmt Zwischentöne und Ironie wahr – hält Predigten. Die einstige Fremdsprache ist längst vertraut geworden. „Oft bete ich morgens auf Lettisch und nachmittags auf Deutsch; ich wachse immer mehr rein in die Sprache“, meint sie. Die Pastorin behält die lettische Kirche kritisch im Auge: Etwa durch ihr Engagement im Europa-Ausschuss des Zentrums für Mission und Ökumene. Oder durch ihre Gottesdienstbesuche in Lettland – immer dann, wenn sie ihre Mutter besucht.

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