Depressionen bei Kindern

Wenn die Kinderseele leidet

Der Hamburger Verein "Achtung! Kinderseele" versucht mit Präventionsprogrammen, psychische Erkrankungen bei Kindern zu verhindern. Die Corona-Krise erschwert die Arbeit deutlich, dabei wäre sie gerade jetzt erforderlich.

Studien zeigen, dass psychische Auffälligkeiten bei Kindern in der Pandemie zugenommen haben.

von Sebastian Stoll

Hamburg/Weil der Stadt. Zwei bis drei Mal im Jahr besucht Christa Schaff ihren Kindergarten. Wenn sie da ist, nimmt sich die Psychotherapeutin Zeit, redet mit möglichst vielen Erzieherinnen über die Kinder, die ihnen in letzter Zeit aufgefallen sind. Bei einem ihrer Besuche hatte das Team große Sorge um ein Kind, das aggressiv war und nicht in die Gruppe integriert werden konnte. „Es geht darum, das Team in seiner Haltung und Wahrnehmungsfähigkeit zu stärken. Dann kann es Lösungen für die Entwicklung eines Kindes finden“, sagt sie. In diesem Fall: die Beantragung einer zusätzlichen Integrationskraft für den Kindergarten.

Christa Schaff ist Psychotherapeutin für Kinder im badischen Weil der Stadt und Vorstandsmitglied von „Achtung! Kinderseele“. Die Hamburger Stiftung versucht, psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zu verhindern. Ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter sind, wie Schaff, deutschlandweit Paten von Kindergärten. „Psychische Auffälligkeiten bei Kindern werden oft nicht ernst genommen. Dabei kann man mit rechtzeitiger Intervention schweren Krankheitsverläufen vorbeugen“, sagt Schaff.

Tabuthema Depression

Psychische Erkrankungen bei Erwachsenen – dieses Thema hat es in den vergangenen Jahren immer mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geschafft. Bei Kindern sind solche Störungsbilder jedoch ein Tabuthema. Dabei weisen nach Angaben der Stiftung 20 Prozent der unter 18-Jährigen psychische Auffälligkeiten auf, zehn Prozent sogar ausgeprägte Störungen – das sind zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland. „Bei Jungen im Alter von acht bis zwölf handelt es sich häufig um Störungen des Sozialverhaltens, etwa ADHS, häufig geht es außerdem um Angststörungen“, sagt Christa Schaff.

Auch Depressionen bei Kindern gebe es, diese würden aber oft nicht bemerkt: „Ein stilles Kind sieht man nicht.“ Je länger man mit der Therapie warte, desto eher bestehe die Gefahr, dass weitere Symptome hinzukommen. Im Jugendalter könne es dann um schwere Störungen des Sozialverhaltens gehen – mit Gewalttätigkeit, Suchtproblematik, auch Suizidalität. „Unser Stiftungszweck ist es, langwierigen und schweren Erkrankungen vorzubeugen.“

Ob die beantragte Integrationskraft dem Jungen aus ihrem Kindergarten im badischen Weil der Stadt helfen konnte, kann Christa Schaff nicht sagen. Es kam Corona – wie alle anderen Kinder war der Junge in den vergangenen zwölf Monaten nur wenig im Kindergarten. „Ich weiß schlicht nicht, wie es sich entwickelt hat“, sagt sie. Sie mache sich Sorgen, dass gerade Kinder in prekären Situationen derzeit den Anschluss verlieren.

Zunahme psychische Auffälligkeiten bei Kindern in der Pandemie

Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), teilt die Sorge. „Studien zeigen, dass psychische Auffälligkeiten bei Kindern in der Pandemie zugenommen haben, insbesondere im Bereich von Angststörungen, Depressionen und einer Minderung der Lebensqualität“, sagt der Solinger Kinderarzt. Er verweist etwa auf die sogenannte Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, für die rund 1.000 Kinder und Jugendliche befragt wurden und derzufolge das Risiko für psychische Auffälligkeiten von 18 auf 30 Prozent stieg.

In einer gut funktionierenden Familienstruktur könnten Eltern vieles ausgleichen, sagt Fischbach. Aber Kinder, die ohnehin schon Probleme in ihren Strukturen haben, seien gefährdet. „Auch wenn wir naturgemäß noch nicht über Langzeitdaten verfügen können, die Verlierer der Krise kann man jetzt schon absehen“, meint der niedergelassene Kinderarzt.

Auch für Christa Schaff ist es deutlich schwerer geworden, den Kontakt zum Kindergarten zu halten. Besuche sind zurzeit nicht möglich, aber auch Videokonferenzen fänden kaum statt. Zwischen Kita-Schließungen und -Öffnungen und den Versuchen, überhaupt selbst Kontakt zu den Kindern zu halten, fehle den Erziehenden die Zeit und die Energie dafür. „Im Kampf hat man keine Zeit für die Psyche“, sagt Schaff.

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