Turm der Auferstehungskirche Hamburg-Lohbrügge eingezäunt

Wenn der Beton bröckelt

Immer wieder findet Pastor Jonas Goebel Betonbrocken am Fuße des Kirchturms. Ausgerechnet zum 50. Jubiläum muss sich seine Gemeinde nun fragen: Sanierung oder Abriss?

Immer wieder findet Pastor Jonas Goebel Betonbrocken am Fuße des Kirchturms

von Johanna Tyrell

Hamburg. Wann Jonas Goebel das letzte Mal auf dem Turm gewesen ist, daran kann er sich kaum noch erinnern. „Ich glaube, das letzte Mal war ich digital drauf, bei einem 3D-Rundgang.“ Seit dem Frühjahr ist das 36 Meter hohe Sorgenkind der Auferstehungsgemeinde in Lohbrügge eingezäunt. Betreten wird er seit einiger Zeit hauptsächlich von Gutachtern. Seit August läuten die Glocken nicht mehr. Aus statischen Gründen, erklärt Goebel. Der Pastor bückt sich und hebt einen handtellergroßen Betonbrocken auf. „So etwas finde ich hier immer wieder“, sagt er. Nach 50 Jahren ist das Material nun verschlissen. „Das ist kein Pfusch, es hat einfach nur seine Lebensdauer erreicht.“

Der 32-Jährige blickt hoch auf das ehemals farbenfrohe Graffito, das den gesamten Turm überzieht. Reste einer grünen Landschaft sind zu erkennen. Doch wo einst unter einem blauen Himmel die Schöpfungsgeschichte zu sehen war, blättert inzwischen die Farbe. Die Natur ist dabei, sich den Betonturm zurückzuerobern. Adam und Eva sind unter der dichten Schicht Efeu nicht mehr zu erkennen. Damals, vor knapp 20 Jahren, war das Wandbild hoch umstritten. „Das Graffito hat dem Turm wohl ein paar Jahre Lebenszeit geschenkt“, sagt Goebel. Die Farbe habe die Oberfläche verschlossen und so den Einfluss von Wind und Regen gemindert.

Zum Stahl-Experten geworden

Dazwischen immer wieder bröckelnder Beton, aus dem rostiger Stahl lukt. Hinzu kommt: Vor 50 Jahren wurde glatter Stahl zur Stabilisierung verwendet. „Der wurde in Schlaufen in den Beton gelegt“, erklärt Goebel. Mit den Händen zeichnet er große Bögen in die Luft. Heute sei das anders. Der Stahl, der inzwischen verbaut wird, ist geriffelt. Egal ob der nun intakt ist oder nicht – er nimmt die Energie des Betons auf und gibt Stabilität. Gezwungenermaßen ist der junge Theologe in den vergangenen zwei Jahren zum Experten für Beton und Stahl geworden.

Sanierung würde viel Geld kosten

„Ein Turm ist ein dienendes Objekt“, so Goebel. Daraus ergibt sich die Frage, wie viel man investiert, um ein solches Objekt zu erhalten. Aktuell steht die Gemeinde vor zwei Optionen: einem Abriss, Kosten rund 180.000 Euro, oder einer Sanierung, Kosten laut Gutachten rund 1,2 Millionen Euro. „Eine Sanierung wäre sehr aufwendig“, erklärt Goebel. Denn aus Gründen des Denkmalschutzes müsste die Treppe, die sich im Inneren des Turms windet, oben aus dem Bauwerk gezogen werden. „Wir würden den Turm gern erhalten, aber niemand hat hier 1,2 Millionen Euro liegen“, so der Theologe. Hinzu käme, dass auch eine Sanierung nicht für die Ewigkeit wäre. Nach rund 50 Jahren stünde die Gemeinde vor einer ähnlichen Situation wie heute. Und was den Turm betrifft, gilt auch für die Kirche und die anderen Gebäude des Ensembles.

Nun heißt es, auf Entscheidungen aus zwei Denkmalpflegestellen warten: einer staatlichen und einer kirchlichen. Dann ist die Gemeinde am Zug – sie hat das letzte Wort, wie es mit ihrem eingezäunten Sorgenkind weitergeht. Denn im Herbst 2022 erlischt die Statikgenehmigung.

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