Filmtipp

Weltuntergangsdrama Snowpiercer – Heiß-Kalte Endzeitparabel

Der Film Snowpiercer ( Schneekreuzer ) hat alles, was ein Weltuntergangsdrama, also die extremste Form einer Katastropheninszenierung, perfekt macht. Die Geschichte spielt in naher Zukunft, ist aber keine utopische Fantasie, sondern realistisch nachvollziehbar.

von Ortwin Löwa

Der wahnhafte Glaube an die totale technische Machbarkeit führt zum Kollaps, gleichzeitig dient technische Raffinesse als Lösung des Problems. Als gottähnlicher Retter und Guru durch die Katastrophe installiert sich ein genialer Industrieller, dessen Hilfe für die Überlebenden allerdings ihren Preis hat. Er errichtet ein technokratisches Gesellschaftssystem, mit sich als allmächtigem Lenker an der Spitze, einem Hofstaat als Exekutive, Schlägertrupps als Ordnungshüter und einer rechtlosen Unterschicht als Arbeitskräftereservoir. Ein sich selbst erhaltendes, abgeschlossenes und in sich ruhendes System, das freilich durch die Trennung von Besitzenden und Besitzlosen eine immanente Dynamik enthält: Die da unten machen denen da oben ihre Privilegien streitig. Es kommt zu einer Revolte. An diesem Punkt startet der koreanische Regisseur Bong Joon-ho seine rasante Fahrt durch eine Welt, die durch menschliche Hybris zur Eishölle geworden ist.

Rasante Fahrt durch eine Welt, die durch menschliche Hybris zur Eishölle geworden ist

Das ist die Ausgangslage: Mit Hilfe eines neuen, unerprobten Aerosols soll der Klimawandel auf einen Schlag gestoppt werden. Das Experiment geht entsetzlich schief. Der Temperaturanstieg wird zum Temperatursturz verkehrt, so dass die Erde von einem tödlichen Panzer aus Eis und Schnee bedeckt wird. Weitsichtig und auch eigennützig hat der Industriemagnat Wilford einen autarken, sich selbst versorgenden Zug konstruiert, der seit Beginn der Katastrophe im 24 Stunden Rhythmus die Schneewüste durchquert, mit Plantagen, Aquarien und Wasseraufbereitung, gesteuert von einem Spezialcomputer. Weil jedoch die Ressourcen knapp sind, kommen die Wohltaten nur einer Elite an der Zugspitze zugute. Im hinteren Teil sind im Dunkeln die Arbeitssklaven zusammen gepfercht. Sie müssen ihre Kinder abliefern, die mit ihren geschickten Händen die Motoren bedienen. Abgespeist werden die Arbeiter mit Proteinpaste. Sie wird aus Leichenteilen hergestellt. Eine Analogie zu dem Science Fiction Klassiker Soylent Green. Eine der vielen Anspielungen, durch die unsere Weltordnung mit ihrer Geschichte aus Sklaverei, Ausbeutung und Unterdrückung illustriert wird.
Um die Unterschicht moralisch gefügig zu halten, hat der Erschaffer Wilford die Entrechteten am Anfang hungern lassen, damit sie kannibalisch übereinander herfallen. Bei dem Aufstand, in dessen Verlauf das System des Zuges und die Geschicke der Überlebenden geschildert werden, geht es daher nicht nur um Befreiung von Willkür, sondern auch um Erlösung von Schuld. So wird der Arbeiterführer Curtis über die Rolle eines Rebellenhauptmanns hinaus zu einer messianischen Figur überhöht. Und auch wie der Messias gerät Curtis in Versuchung, als Wilford ihm im Finale bei ihrer Begegnung die Nachfolge in seinem Reich anbietet, mit seiner, von Wilford aus gesehen, gottgewollten Ordnung. Wo auch die Revolte ihren vorher bestimmten Platz hat, nämlich durch Dezimierung für eine Balance der Belegschaft zu sorgen.

Die Katastrophe, scheinbar nicht aufzuhalten?

Kein Ausweg, nirgends? Die Wilford Ideologie, umschlagbar? Die Katastrophe, scheinbar nicht aufzuhalten? Die Rettung, Zementierung des Alten? Rebellion, nur eine wiederholte Kopie des Scheiterns an den Verhältnissen? Mit ausdrucksstarken internationalen Darstellern wie Chris Evans als Curtis oder Ed Harris als Wilford zelebriert der Regisseur eine bildgewaltige, mit technischen Effekten förmlich überladene zweistündige Abenteuerreise durch den Zug. Am Ende des lehrreichen Prozesses ein hoffnungsvoller Knall: Ein asiatischer Computerfachmann, der den Rebellen die Zugabteile öffnen half, entdeckt, dass die Droge, mit der er sich betäubt, auch ein Sprengstoff ist. Er lässt eine Zugtüre explodieren und springt mit seiner Tochter ins Freie. Dort hat bereits die Schneeschmelze eingesetzt, so dass aus den Trümmern des Snowpiercer neues Leben wachsen kann. Welch schöne Frühlingsbotschaft!