Lampedusa-Flüchtlinge

Weihnachten im Wohncontainer: Zu Gast auf 15 m²

Hamburg. Für manchen mögen 15 Quadratmeter ein zu kleiner Raum zum Wohnen sein. Für Steven (29) ist es derzeit ein kostbarer Luxus. Der Flüchtling ist mit zwei weiteren Männern in einen Wohncontainer auf dem Gelände der Christianskirche Ottensen gezogen.

von Julia Reiss

Steven, Prince und Gabriel teilen sich einen der weißen Wohncontainer neben der Christianskirche Ottensen. Zusammen stehen ihnen 15 Quadratmeter zur Verfügung. Jeder hat ein Bett, einen Spind und einen Stuhl. Steven würde am liebsten alles dekorieren: mit Palmen und Ballons, in den Farben Rot, Gelb und Grün, den Landesfarben Ghanas. Der 29-Jährige beschreibt, wie er früher zu Hause Weihnachten gefeiert hat: "Es gab Reis und Fleisch für alle – statt dem alltäglichen Maisbrei Fufu", erzählt er. "Das Weihnachtsfest haben wir alle zusammen so laut und bunt wie möglich gefeiert." 

Weihnachten in Ghana: "So laut und bunt wie möglich"

Doch in diesem Jahr verbringt er die Feiertage mit Männern, die ihr ähnliches Schicksal unfreiwillig zu einer Gemeinschaft zusammengeschweißt hat. Mit 17 anderen, die vor dem Bürgerkrieg aus Libyen geflohen sind und in italienischen Flüchtlingscamps unterkamen, bevor sie Anfang des Jahres nach Hamburg kamen. Sie stammen aus Mali, dem Senegal, Nigeria und Ghana. In Hamburg werden sie aufgrund ihres gemeinsamen Schicksals "Lampedusa-Flüchtlinge" genannt. Insgesamt soll es in der Hansestadt etwa 300 von ihnen geben. Seit Juni lebten gut 80 von ihnen in der St. Pauli-Kirche, sie schliefen auf dem Boden, auch Steven war unter ihnen.
Auf Initiative der evangelischen Nordkirche stellten drei Gemeinden Wohncontainer auf, als es zu kalt in der St. Pauli-Kirche wurde: Neben der Martin-Luther-Kirche in Iserbrook stehen drei, auf dem Gelände der St. Pauli Kirche acht und in Ottensen sechs. Insgesamt sind neben der Christianskirche am Klopstockplatz 18 Afrikaner untergebracht. "Wir sind den St. Pauli-Pastoren Sieghard Wilm und Martin Paulekun unendlich dankbar für die letzten Monate", sagt Steven. "Jetzt ist es schön, endlich in einem Bett und im Warmen zu schlafen." Zusätzlich zu den Wohncontainern gibt es für alle einen Container mit Küche, einen mit Sanitäranlagen und einen als Aufenthaltsraum.
Dass er Weihnachten tausende Kilometer von seiner Familie entfernt feiern muss, macht den Christen Steven traurig. "Ich kann meine Familie nur selten anrufen, wenn ich eine Telefonkarte geschenkt bekomme", sagt er. Wenn er zu lange an sie denke, mache ihn das schier verrückt. Dennoch leuchten seine Augen, wenn er an die Weihnachtsbräuche in Ghana denkt. "Es ist die schönste Zeit im Jahr."

Gemeindefest für Lampedusa-Flüchtlinge: "Jederzeit willkommen"

Ganz auf sich allein gestellt ist die Flüchtlingsgruppe in Ottensen nicht. Viele Angebote der Ehrenamtlichen rund um die St. Pauli Kirche werden auch im Winter weitergeführt. Und auch die Gemeinde Ottensen kümmert sich um die neuen Gäste: Nach dem Gottesdienst am 2. Advent feierten Gemeindemitglieder und Besucher ein Willkommensfest. Es entstand ein großes Buffett aus Selbstgebackenem, bei Kaffee und stärkender Suppe kamen sie miteinander in Kontakt. "Hallo! Das ist mein Sohn Lukas, er würde Dich gern in Deinem Container besuchen und sehen, wie Du lebst", sagt eine Mutter zu Flüchtling Daniel. Der gibt dem Zehnjährigen die Hand und grinst ihn an: "Du bist jederzeit willkommen."
Unter der Empore sitzen Achim und Mubarack, ein abgegriffenes Wörterbuch hilft bei der Verständigung. Noch unterhalten sich die meisten auf Englisch oder Französisch. Doch das Sprachangebot der St. Pauli-Helfer wollen die Ottenser weiterführen: Die erste Deutschstunde hat bereits stattgefunden. "Wir fangen an mit einfacher Grammatik", berichtet Lars Peters, der hauptberuflich unterrichtet und für den sein ehrenamtliches Engagement selbstverständlich ist.
Die meisten der Männer haben sich bei den Behörden gemeldet und einen Antrag auf humanitären Aufenthalt gestellt – eine Auflage des Senats für die Genehmigung der Container. Derzeit sind sie geduldet, können aber jederzeit die Aufforderung zur Ausreise bekommen.  "Es ist nicht leicht, mit dieser Unsicherheit zu leben", sagt Steven. "Aber unsere Hoffnung lässt uns durchhalten." Der sportliche Mann träumt davon, endlich zur Ruhe kommen zu können. "Ich möchte ganz normal arbeiten und mir ein Leben in Deutschland aufbauen."