Erinnern als Herausforderung und Notwendigkeit für die Gegenwart

Von Poppenbüll bis Kreta

Sollten Gedenkfeiern viele Jahre nach den Ereignissen, denen sie gelten, enden? Pfarrer Ekkehart Woykos findet: nein. Er beschreibt, wie wichtig das Erinnern ist.

Gedenkstein auf dem Soldatenfriedhof Maleme, Kreta

von Ekkehart Woykos

Kropp/Alt Duvenstedt. Jedes Jahr gedenken die beiden Luftwaffen­geschwader in Kropp/Jagel und Alt Duvenstedt/Hohn der Verunglückten zweier Flugzeugunfälle. Vor 46 Jahren zerschellte an den Weißen Bergen auf Kreta eine Hohner Transall. Zweiundvierzig Soldaten aus ­Süderbrarup und Hohn kamen dabei ums Leben. Im Jahre 2004 stürzten zwei Tornados bei Poppenbüll auf der Eiderhalbinsel ab. Bei diesem Flugunfall verloren zwei Piloten ihr Leben.

Ganz unterschiedlich werden die Gedenkfeiern besucht. Mal kommen viele Menschen zusammen, mal sind es weniger, wie gerade in dieser Zeit. Auch die Motive sind sehr vielfältig. Da ist der Sohn eines Verunglückten, der wiederum mit seinem eigenen Sohn des Vaters beziehungsweise Opas gedenkt, den sie beide nie kennengelernt haben. Allein dieses Beispiel verdeutlicht, dass ein solches Unglück sich generationsübergreifend auswirkt. Begegnungen zwischen Vater und Sohn, aber auch besonders zwischen Opa und Enkel, waren nie möglich. Die Erzählstränge „Wie war es früher?“ oder „Was ist heute anders?“ sind abgebrochen.

Schwere Folgen bei Fehlern

Dann ist da derjenige, der mit der Erinnerung die Mahnung verbindet, stets gewissenhaft im und am Luftfahrzeug zu arbeiten. Kann doch jeder Fehler schwere Folgen nach sich ziehen. Schließlich sind auch Menschen dabei, die ganz persönliche Erinnerungen mit den Unfällen verbinden. Sie kannten eines der Unfallopfer oder sie waren an den Rettungs- oder Bergungsarbeiten beteiligt. Die Bilder, Gerüche, Geräusche von damals sind dann ganz gegenwärtig.

Gedenkstein in der Nähe des Absturzortes bei Poppenbüll Foto: Ekkehart Woykos

Trotzdem werden inzwischen Stimmen lauter, die nach so vielen Jahren solche Veranstaltungen in Frage stellen. „Es ist genug! Das muss mal aufhören!“ „Persönlich gibt es doch keine Betroffenheit mehr!“, sind nur einige der Bemerkungen. Wir kennen sie auch aus anderen Zusammenhängen in unserem Land. Die Beispiele zeigen aber recht deutlich, dass die Betroffenheit über Jahrzehnte hinweg existiert und es ein Lernen aus der Geschichte gibt.

Für mich als Pfarrer ist die aktive Teilnahme an diesen Gedenkver­anstaltungen wichtig. Ich versuche das Unaussprechliche der Unglücke zur Sprache zu bringen, die Wut, die Trauer, die Ungerechtigkeit des Lebens, das Unfassbare. Das alles ist vor Gott zu bringen. Klage und Anklage ihm gegenüber Raum zu geben, kann hilfreich, befreiend und tröstlich sein. So habe ich es auch selbst erfahren.

Herausforderung für Kirche und Theologie

Es ist und bleibt Aufgabe und Herausforderung für Kirche und Theologie, das Leben mit seinen Höhen und besonders Tiefen in Beziehung mit Gott und seinem Handeln zu bringen. Das gilt nicht nur für die Gedenkveranstaltungen sondern für die tägliche Arbeit in der Kirche und auch in der Militärseelsorge.

Unser Autor
Ekkehart Woykos ist Pfarrer im Militär­pfarramt Kropp.

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