Vor zehn Jahren wurden die Lübecker Märtyrer seliggesprochen

Von der „Ökumene des Bluts“

Am 25. Juni 2011 hat die katholische Kirche die Lübecker Märtyrer seliggesprochen. Die für Norddeutschland einmalige Würdigung gab der Verehrung der NS-Widerstandskämpfer weiteren Aufwind.

Der päpstliche Delegat Angelo Kardinal Amato geht voran bei der Seligsprechung der Märtyrer im Juni 2011

von Michael Althaus

Hamburg. Wie einen Pokal präsentierte der damalige Hamburger Erzbischof Werner Thissen auf der Altarbühne das vatikanische Dokument. „Nun dürfen wir unsere drei Kapläne um ihre Fürsprache bitten“, erklärte er – und meinte die als Lübecker Märtyrer bekannten NS-Widerstandskämpfer Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller. Am 25. Juni 2011 wurden die katholischen Geistlichen bei einer Feier vor der Lübecker Propsteikirche Herz Jesu seliggesprochen und damit von ihrer Kirche offiziell zu Vorbildern und Fürsprechern bei Gott erklärt. Der Vierte im Bunde, der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink, erhielt ein ehrendes Gedenken, weil die evangelische Kirche keine Seligsprechungen vornimmt. Es war das erste Mal, dass eine solche Zeremonie in Norddeutschland stattfand.

Die katholischen Priester waren früher an der Herz-Jesu-Kirche in der Lübecker Innenstadt tätig. Stellbrink war Pastor der evangelischen Lutherkirche. Seit 1941 waren sie miteinander befreundet und verbreiteten in ökumenischer Gemeinsamkeit – zur damaligen Zeit durchaus eine Besonderheit – die regimekritischen Predigten des katholischen Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen (1878-1946).

Gottes mächtige Stimme

In seiner Predigt am Palmsonntag 1942 sagte Stellbrink, durch den britischen Luftangriff auf Lübeck in der Vornacht habe Gott mit mächtiger Stimme gesprochen. Kurz darauf, am 7. April 1942, wurde er von der Gestapo verhaftet. Wenig später kamen auch die drei katholischen Kapläne nacheinander in Haft. Der Volksgerichtshof in Lübeck verurteilte die vier wegen „Rundfunkverbrechen, landesverräterischer Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode. Am 10. November 1943 wurden sie in einem Hamburger Gefängnis im Abstand von wenigen Minuten enthauptet.

Fotos der Märtyrer an einer Hauswand in Lübeck Archivbild: Stephan Wallocha / epd

Das Gedenken an die Vier setzte bald nach deren Tod ein, initiiert durch die katholische Gemeinde. Die evangelische Kirche tat sich lange mit der Verehrung der Märtyrer schwer, auch weil Stellbrink zunächst glühender Anhänger von Hitlers Machtfantasien war. Mittlerweile finden Gedenkfeiern häufig in ökumenischer Verbundenheit statt.

Zur Seligsprechung 2011, die Erzbischof Thissen angestoßen hatte, reisten rund 6.000 Menschen an. In seiner Predigt ging der langjährige Ökumenebeauftragte des Papstes, Kardinal Walter Kasper, auf den Vorbildcharakter der Vier im ökumenischen und im christlich motivierten Engagement für die Würde aller Menschen ein. Er rief die Christen dazu auf, dem „Skandal“ der Trennung der Konfessionen entgegenzuwirken.

Gedenken in der Lutherkirche

Der Sorge, dass das ökumenische Gedenken durch die Seligsprechung erschwert werden könnte, begegnete Thissen von Anfang an durch das Einbeziehen der evangelischen Kirche. So gab es am Vorabend der Seligsprechung in der Lutherkirche einen evangelischen Gedenkgottesdienst für alle vier Märtyrer. Beim Pontifikalamt bezeichnete sie der evangelische Bischof Gerhard Ulrich in einem Geistlichen Wort als „Jesu Brüder in der weltumspannenden Ökumene, in der einen Gemeinschaft der Heiligen“.

Lange schon sind die Lübecker Märtyrer wichtige Identifikationsfiguren für die Christen in Norddeutschland. Die Seligsprechung hat ihrer Verehrung weiteren Aufwind gegeben. Die „Gedenkstätte Lübecker Märtyrer“ in der Herz-Jesu-Kirche verzeichnete vor Beginn der Pandemie jährlich mehr als 10.000 Besucher. Auch in Hamburg, Osnabrück und weiteren Städten sind den Glaubenszeugen Denkmäler gewidmet. An den 75. Jahrestag ihrer Hinrichtung erinnerten Katholiken wie Protestanten 2018 mit zahlreichen Gottesdiensten und Veranstaltungen.

Jetzt fehlt ein Wunder

Auch Papst Franziskus sind die Lübecker Märtyrer von einem Besuch in Hamburg während seiner Studienzeit in Deutschland bekannt. Bei Treffen mit Vertretern anderer christlicher Kirchen nennt er sie regelmäßig als Beispiel für eine „Ökumene des Bluts“.

Das Erzbistum Hamburg wünscht sich, dass die Priester eines Tages auch heiliggesprochen und damit nicht nur regional, sondern auch weltweit verehrt werden dürften. Doch es gibt eine Hürde. „Dieses Anliegen kann erst weiterverfolgt werden, wenn im Zusammenhang mit den Lübecker Märtyrern ein Wunder geschehen ist“, teilt ein Sprecher der Diözese mit. (KNA)

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