Göttinger Neutestamentler Gerd Lüdemann gestorben

Vom christlichen Glauben losgesagt

Gerd Lüdemann verwirrte zeitlebens fromme Bibelleser. Auf die zentrale Frage, ob die Bibel Gottes Wort oder nur fromme Dichtung ist, gab er in seinen Büchern radikale Antworten.

Gerd Lüdemann im August 1996

von Reimar Paul

Göttingen. Der frühere Theologieprofessor Gerd Lüdemann sah sich schon lange nicht mehr als Christ. In den 1990er-Jahren sagte er sich in Büchern und Interviews vom christlichen Glauben los und wurde daraufhin wegen seiner kritischen Sicht auf Religion und Kirche mit einem Sonderstatus in ein neues Fach versetzt. Auch bei Fachkollegen stieß der Wissenschaftler mit seinen provozierenden Äußerungen auf Widerspruch. Wie seine Familie mitteilte, starb er am 23. Mai nach schwerer Krankheit im Alter von 74 Jahren.

1998 veröffentlichte Lüdemann, der an der Göttinger Fakultät für Evangelische Theologie den Lehrstuhl für Neues Testament vertrat, das Buch „Der große Betrug. Und was Jesus wirklich sagte und tat“. Darin versuchte er nachzuweisen, dass nur ein kleiner Teil der Jesus zugeschriebenen Worte von ihm selbst stammte. Schon das Urchristentum habe begonnen, Jesu Worte „zu verfälschen und zu übermalen“. Die Kirche habe sich „Jesus so zurechtgelegt, wie er ihren Wünschen und Interessen entsprach“ und wie er ihr im Kampf gegen Abweichler und Andersgläubige am nützlichsten zu sein schien, argumentierte der Professor.

„Deine Lehre war ein Irrtum“

„Du hast das zukünftige Reich Gottes verkündigt, gekommen aber ist die Kirche“, schrieb Lüdemann. „Du hast Dich getäuscht, und Deine Botschaft ist von Deinen Anhängern zu ihren eigenen Gunsten gegen die historische Wahrheit verfälscht worden. Deine Lehre war ein Irrtum, denn das messianische Reich ist ausgeblieben.“

Lehrstuhl ausgegliedert

Wegen seiner öffentlichen Abkehr vom christlichen Glauben gliederte die Universität Lüdemanns Lehrstuhl im Einvernehmen mit der evangelischen Kirche aus der Fakultät aus und wandelte ihn in einen Lehrstuhl für „Geschichte und Literatur des frühen Christentums“ um. Dieses Fach ist nicht konfessionsgebunden und für die Ausbildung der Nachwuchstheologen nicht verbindlich. Außerdem strich die Universität die Stelle eines für Lüdemann tätigen wissenschaftlichen Assistenten.

Es folgte ein Rechtsstreit durch sämtliche Instanzen. Erst 2008 stand nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes fest: Die Umwandlung des Lehrstuhls war rechtens. Das Selbstbestimmungsrecht der Religionen sei höher zu bewerten als die Wissenschaftsfreiheit des Beschwerdeführers, erklärten die Karlsruher Richter. Das Amt des Hochschullehrers an einer theologischen Fakultät dürfe bekenntnisgebunden ausgestaltet werden.

Gerd Lüdemann im September 2005 Foto: Steve Green / epd

In rund anderthalb Dutzend Büchern konzentrierte sich Lüdemann auf eine kritische Betrachtung des Auferstehungsglaubens („Das Grab war voll“) und äußerte starke Zweifel an der Echtheit vieler überlieferter Bibeltexte einschließlich der Evangelien.

Auch die biblischen Darstellungen von der Geburt Jesu bezeichnet Lüdemann als „reine Erfindungen“. Die Weihnachtsberichte seien „heilige Lügen“ und hätten mit dem wirklichen Hergang nichts zu tun. Der Stern von Bethlehem sei ein „Wunderstern“ ohne geschichtliche Realität. Jesus sei zudem nicht in Bethlehem, sondern in Nazareth geboren worden.

Unter Wissenschaftlern umstritten

Mit seinen Ansichten eckte Lüdemann nicht nur in der Kirche an, auch in wissenschaftlichen Kreisen riefen sie äußerst kontroverse Reaktionen hervor. Der Neutestamentler Wolfgang Stegemann etwa hält Lüdemanns Kritik für methodisch unlauter – er messe die Texte der Urchristen mit modernen Maßstäben, die es damals gar nicht gegeben habe.

Lüdemanns Verleger Dietrich zu Klampen, bei dem der Wissenschaftler seit mehr als 20 Jahren publizierte, sagte hingegen einmal: „Es gibt sonst niemanden, der so konsequent, kompromisslos und hingebungsvoll Aufklärung betreibt.“ (epd)

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