Seit 100 Tagen ist Hannovers Stadtsuperintendent Rainer Müller-Brandes im Amt

Viele Ideen für schwierige Zeiten

Einiges hat er schon erledigt, doch eine Menge liegt noch vor ihm. Rainer Müller-Brandes ist seit 100 Tagen Stadtsuperintendent von Hannover. Eine Bilanz.

Die Maske hat Rainer Müller-Brandes immer dabei

von Sabine Dörfel

Hannover. Ein Galoppritt seien die ersten 100 Tage im Amt schon gewesen, sagt Stadtsuperintendent Rainer Müller-Brandes, doch „ich mag eine gewisse Atemlosigkeit“. Anfang Oktober war der Diakoniepastor mit einem großen Open-Air-Gottesdienst vor der Marktkirche in sein neues Amt eingeführt worden. Es folgten der Beginn der zweiten Corona-Welle und eine äußerlich stille, doch für die Kirchen herausfordernde und kreative Advents- und Weihnachtszeit.

Viel Zeit zum Luftholen wird ihm auch im neuen Jahr nicht bleiben. „Wir stehen vor der größten kirch­lichen Sparrunde seit dem Zweiten Weltkrieg“, blickt der 52-Jährige voraus. Weiter sinkende Mitgliederzahlen und die Corona-Krise belasteten die Kirchenfinanzen deutlich. „Kürzungen allein helfen allerdings nicht, wir brauchen Innovation“, sagt Müller-Brandes. Priorität habe dabei die verstärkte Zusammenarbeit von Kirchengemeinden. Statt fünf Gemeindebüros, die nur ein- oder zweimal die Woche für wenige Stunden erreichbar seien, lieber eines, das jeden Tag geöffnet habe. „Und dort bekomme ich dann auch den Taufschein für alle fünf Gemeinden.“

Zu Besuch bei den Kirchengemeinden

In manchen Kirchengemeinden spüre er „Veränderungslust und Energie“, andere „leben noch stark aus der Erinnerung an früher“. Besuche bei allen 60 Kirchengemeinden des Stadtkirchenverbandes gehören zu seinem Programm des ersten Amtshalbjahres. Dort spricht der Stadtsuperintendent mit Mitarbeitenden, hört sich Sorgen und Wünsche an. Ihn treibt um, „wie wir auf dem Weg zu einer Konzentration von kirchlichen Angeboten alle mitnehmen können“. Möglicherweise könne ein finanzielles Bonussystem Anreize für eine verstärkte Zusammenarbeit von Gemeinden setzen.

Rainer Müller-Brandes bei einer Predigt Foto: Severine Bunzel

„Neben den innerkirchlichen Veränderungsprozessen müssen wir aber auch weiterhin nach außen sichtbar bleiben“, fordert Müller-Brandes. Er wünscht sich weitere Profilkirchen, die wie beispielsweise die Gospelkirche ein Schwerpunktangebot jenseits klassischer Gemeindegrenzen machen. „Gerne eine Kirche, die sich auf junge Familien mit kleinen Kindern konzentriert“, oder eine, die mit Popularmusik „Kirche für andere Frisuren und Geschmäcker“ sei.

Ein Herzensprojekt ist für den Stadtsuperintendenten auch eine Ehrenamtsbörse. „Wenn ich jetzt Lust habe, mich bei der Kirche zu engagieren, muss ich 60 Gemeinde-Internetseiten durchklicken“, sagt er. Bei einer zentralen Börse, die zu Themen wie beispielsweise Kirchenmusik oder Flüchtlingshilfe jeden Tag zu verschiedenen Uhrzeiten Angebote auflistet, seien Suchende schneller am Ziel. „Mit-Engagement ist Bindung“, weiß Müller-Brandes.

In einem Dilemma

Durch Corona befänden sich die Kirchen zurzeit jedoch in einem Dilemma. Das, was Kirche gut könne, sei an Gemeinschaft gebunden: Menschen ins Gespräch bringen, Menschen begleiten und sie bei ihren Sorgen und Nöten abholen, aber auch gemeinsam feiern und singen. „Gemeinschaft und Kontakt aber müssen wir zurzeit minimieren“, bedauert er und hofft auf einen Erfolg der Corona-Impfungen.

Corona macht Menschen dünnhäutig

Sichtbarkeit nach außen heißt für Müller-Brandes aber auch mehr Kooperation mit der Stadtgesellschaft. Er denkt zurzeit über spezielle Aktionen für die Passionszeit nach. Sie sollen Spannungsthemen aufnehmen, die sich nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie ergeben haben, wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit oder die Erschütterung des Kultur- und Wirtschaftslebens.

„Das werden kurze inhaltliche Akzente sein, die analog oder digital mit verschiedenen Repräsentanten der Gesellschaft stattfinden“, so der Pastor. Corona habe die Menschen dünnhäutig gemacht. Die Kirche sieht er deshalb in der Pflicht, auf eine notwendige Balance hinzuweisen: zwischen der derzeitigen Maxime des Gesundheitsschutzes mit allen dazu notwendigen Einschränkungen und der seelischen Verkraftbarkeit zunehmender Einsamkeit ebenso wie der Belastung familiären Lebens durch Homeoffice und Homeschooling.

Die Losung gibt ihm Kraft

Kraft gibt dem passionierten Fahrradfahrer und Jogger die Losung für das beginnende Jahr „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6, 36). „Für mich bedeutet das beispielsweise, Politikern Respekt zu zollen, die jetzt sehr schwierige Entscheidungen treffen müssen und öffentliche Verantwortung tragen“, sagt Müller-Brandes. „Persönlich hilft mir die Losung, wenn ich einen Aufgabenberg vor mir sehe.“ Denn in der Losung zeige sich Gott lächelnd, mit einem Angebot statt mit Forderungen.

Sabine Dörfel ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit des Stadtkirchenverbands Hannover.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren