Nach Attacke vor Hamburger Synagoge

Veranstaltungen der Jüdischen Gemeinde gehen weiter

Die Stimmung in der Gemeinde sei gefasst, aber auch ernüchtert, so der Vorsitzende Philipp Stricharz. Er fordert mehr Sicherheit für die Gläubigen.

Etwa 150 Menschen kamen bei einer Mahnwache zusammen

Hamburg. Die Jüdische Gemeinde Hamburg wird trotz des Anschlags am Sonntag ihre regulären Aktivitäten fortsetzen. Es werde nicht die geringsten Änderungen im Programm geben, sagte Philipp Stricharz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, am Dienstag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Sicherheit für die Gemeinde müsse verbessert werden. Dazu zählten auch bauliche Veränderungen. Die Jüdische Gemeinde sei dafür im Gespräch mit der Polizei und anderen Sicherheitsstellen.

Die Stimmung in der Gemeinde ist nach den Worten ihres Vorsitzenden „gefasst“, aber auch „ernüchtert“. Man sei bisher davon ausgegangen, dass die Schutzmaßnahmen in Hamburg greifen müssten: „Es hätte nicht so weit kommen dürfen“, sagte Stricharz. Es könne nicht sein, dass jüdische Gemeindemitglieder nicht einmal mehr vor der Synagoge eine Kippa tragen dürften. Eine Ernüchterung sei es auch für viele, die geglaubt hatten, in Hamburg seien sie vor Anschlägen sicher.

Solidaritätsbekundung vor der Synagoge Foto: Timo Teggatz

Ein 26-jähriger jüdischer Student war am Sonntag vor der Synagoge mit einem Klappspaten angegriffen und schwer verletzt worden. Kirchliche Vertreter reagierten mit Entsetzen. Mutmaßlicher Täter ist ein 29-jähriger Deutscher kasachischer Abstammung. Er wurde kurz nach der Tat von der Polizei festgenommen. Es gebe Hinweise auf eine psychische Krankheit, die zu einer Einschränkung der Schuldfähigkeit geführt haben könnte, sagte die Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft, Nana Frombach.

Am Tag nach der Tat kamen etwa 150 Menschen vor der Synagoge zu einer Mahnwache zusammen. Einige legten Blumen nieder, andere hatten Transparente mit guten Wünschen geschrieben. „Nie wieder! Wir Hamburger stehen an Eurer Seite!“, war etwa zu lesen.

Jüdisches Leben bekannter machen

Während der Mahnwache wurde ein Grußwort der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano verlesen. Sie hatte es bereits 2011 gehalten – zwei Tage nach der Aufdeckung der NSU-Morde. „Rassismus und Antisemitismus haben heute wieder Konjunktur in Deutschland“, sagte sie.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland fordert mehr öffentliche Information über jüdisches Leben, um antisemitische Gewalttaten besser zu verhindern. „Wir brauchen eine bessere Aufklärung und Bildung der Bevölkerung“, sagte Zentralratspräsident Josef Schuster den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Es geht darum, das Judentum, jüdisches Leben bekannter zu machen – nicht immer im Zusammenhang mit der Schoah, nicht nur aus der Opferperspektive.“ Jüdisches Leben sollte etwas Selbstverständliches sein. Schuster wies darauf hin, dass im kommenden Jahr 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert werden: „Das Judentum ist nichts Exotisches.“ (epd)

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