Auf der Suche nach der Kirche von morgen

Unterwegs mit der Kirchenpionierin

Angesichts von Traditionsabbrüchen und Mitgliederverlusten suchen die Kirchen neue Wege für die Zukunft. In Springe bei Hannover ist eine Diakonin dabei als "Kirchenpionierin" unterwegs.

Diakonin Janette Zimmermann (rechts) im Gespraech mit Friederike in der Innenstadt von Springe.

von Michael Grau

Springe/Hannover. Wenn Janette Zimmermann in Springe bei Hannover unterwegs ist, kann sie zu vielen Häusern eine Geschichte erzählen. „Die Bäckerei da drüben“, sagt die evangelische Diakonin und deutet mit dem Finger über die Straße, „da ist jetzt ein Café drin, wo man auch mit dem Kinderwagen durch die Tür kommt.“ Und in dem leerstehenden Laden da vorn hat sie mal vorübergehend ein „Pop-Up-Café“ für junge Eltern eröffnet. Zimmermann sieht die Stadt mit den Augen ihrer Zielgruppe: der 25- bis 45-Jährigen, die häufig den Kontakt zur Kirche verloren haben. Und genau das will die 37-Jährige ändern. Sie bezeichnet sich selbst als „Kirchenpionierin“ und sucht nach neuen Wegen, wie die Kirche von morgen aussehen kann.

Auf der Suche nach neuen Wegen ist sie nicht allein

Landauf landab haben die Kirchen in Deutschland Zukunftsprozesse gestartet, um angesichts von Traditionsabbrüchen und Mitgliederverlusten neue Ideen zu entwickeln. Deutschlands größte evangelische Kirche, die hannoversche Landeskirche, hat bisher allein 48 innovative Projekte durch einen speziellen Fonds unterstützt – von der mobilen Kirche im Bauwagen bis zum Gemeindecafé. Viele von ihnen gehören zugleich zur Bewegung „Fresh Expressions of Church“, die aus England kommt. Bundesweit fördert „Fresh X“, wie es kurz heißt, mehr als 200 innovative Projekte.

In Springe hat Janette Zimmermann zunächst einmal Interviews mit Menschen aus ihrer Zielgruppe geführt, um ihre Wünsche und Bedürfnisse zu erkunden. Sie fand heraus: Viele gestresste Eltern vermissten in ihrer Stadt ein ruhiges Plätzchen, wo sie nachmittags einfach mal so hingehen konnten, ohne dass sich jemand von Kindern gestört fühlt. Und ein anderes Ergebnis: Viele aus dieser Generation leben völlig ohne Kirche. „Sie haben das Empfinden, dass ihnen die Kirche nichts bringt.“ Zimmermann zog daraus für ihre Arbeit die Konsequenz: „Diesen Menschen ist es wichtig, dass sie überhaupt erst einmal gesehen werden.“

„Kirche wird sich verändern, ob wir wollen oder nicht“

So hat sie zunächst Aktionen wie das Pop-Up-Café „Kleine Pause“ gestartet. Es kamen bis zu hundert Besucher am Tag in den leerstehenden Laden. Daraus entwickelte sich eine Initiativ-Gruppe, die Ideen für Familien entwickelt. Manchmal kommen auch ein paar Leute aus der Gruppe zur Andacht in die Kirche. In der hat die Gemeinde inzwischen die Bänke ausgeräumt und Stühle hineingestellt. Das wirkt einfach gastlicher, sagt Zimmermann: „Die Kirche wird sich verändern, ob wir wollen oder nicht.“

Diakonin Janette Zimmermann dekoriert mit Joas (7) und Melea (5) ein Schaufenster für einen Adventskalender quer durch die Stadt Springe.

Davon ist auch Torsten Pappert überzeugt. Der 50-jährige Pastor ist Referent für innovative Gemeindeentwicklung bei der hannoverschen Landeskirche und unterstützt Projekte wie das in Springe. „Ich glaube, dass Innovation nicht aus der Mitte der Institution kommt, sondern eher von Bewegungen an den Rändern“, sagt er. Dafür brauche es Menschen mit Mut, etwas Neues zu probieren – auch mit dem Risiko des Scheiterns. Gleichzeitig sei der Rahmen einer großen Organisation wie der Kirche nötig, um Zusammenhalt und gedankliche Weite zu sichern.

Für postmodern geprägte Menschen habe sich mit Blick auf die Kirche etwas Entscheidendes geändert, sagt Pappert: Die Idee einer lebenslangen Mitgliedschaft in einer Institution sei ihnen nicht mehr selbstverständlich. „Sie muss schon eine klar benennbare Funktion haben, denn man hat halt gern was davon.“ Und das müsse zumindest das Gefühl der Zugehörigkeit sein.

Nähe und Sympathie entsteht durch persönlichen Kontakt

Hier setzt auch Professor Herbert Asselmeyer (68) an. Der langjährige Kirchenvorsteher lehrt Organisationspädagogik an der Uni Hildesheim und ist seit langem als Berater in der Kirche tätig. Den Schlüssel für kirchliche Innovationsprozesse sieht er bei den Gemeinden vor Ort. Gemeinschaft stifte Identität und lasse Glauben, Spiritualität und Kirche spürbar werden, betont er: „Wir müssen die Gemeinden dabei unterstützten, dass sie souveräner auf die Fragen antworten können: Wozu braucht man uns? Was ist unser einmaliges Angebot?“

Engagierte Gemeinden müssten deshalb alle Ressourcen erhalten, die sie bräuchten, um sich erfolgreich zu organisieren und zu vernetzen, fordert der Hochschullehrer. So könnten sie zu zukunftsweisenden Modellen für andere werden. Gemeinden, die sich an ihnen orientieren wollten, müssten ebenfalls gefördert werden. Dann könne eine neue Dynamik entstehen, und zwar schon innerhalb von zehn Jahren, betont Asselmeyer: „Das ist der Idealhorizont für Entwicklungsprozesse.“

In Springe geht Janette Zimmermann mit kleinen Schritten voran. Für den Advent hat sie wieder etwas Besonderes auf die Beine gestellt: einen Adventskalender quer durch die Stadt mit weihnachtlich dekorierten Häusern und Schaufenstern. 25 Stationen machen mit – das Netzwerk trägt. Das Motto der Kirchenpionierin: „Erst einmal umfassend zuhören und wahrnehmen. Und dann schauen, ob gemeinsam etwas daraus entsteht.“

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