Briefkontakte zu Straftäter der JVA Celle

Und dann ändert sich die ganze Weltanschauung

Inga Teuber schreibt Briefe. Doch die Empfänger gehen nicht zum Briefkasten, um ihre Post abzuholen. Denn sie sitzen hinter Gittern.

Inga Teuber schreibt Briefe an Strafgefangene

von Christine Warnecke

Celle. Sie haben betrogen, geraubt, Menschen verletzt oder gar getötet. Dafür sitzen sie nun hinter hohen, grauen Betonwänden, auf denen Stacheldraht und Überwachungs­kameras thronen. Die Verurteilten, die Ausgestoßenen, die Weggesperrten in den Justizvollzugsanstalten sitzen, stehen, liegen, leben in einer eigenen Welt, „an einem Ort ohne Liebe“, sagt Inga Teuber. „Die Inhaftierten erfahren viel Ablehnung. Ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und nicht nach ihrer Tat und Schuld zu fragen, ist etwas, das sie nicht erwarten“, erzählt die 47-Jährige.

Doch sie und andere Ehrenamtliche tun genau das, indem sie Briefe an Inhaftierte schreiben, sich nach ihnen erkundigen, mit ihnen im Austausch sind. „Ich wollte ein Ehrenamt haben, das nicht gewöhnlich ist – wo ich mich etwas trauen muss“, sagt Inga Teuber. Sie fand es beim Verein Schwarzes Kreuz – das ist jetzt fünf Jahre her. Die Bewerbung dort bereut sie nicht.

Die hauptberufliche Diakonin kannte sich mit Seelsorge und der Begleitung von Menschen schon von Berufs wegen etwas aus. Über das Internet wurde sie auf die christliche Straffälligenhilfe Schwarzes Kreuz aufmerksam, das Verurteilten zu einem neuen Leben verhelfen und für Angehörige da sein will. Inga Teuber war gleich fasziniert: „Gefängnisse mit diesen straffen Strukturen und Hierarchien – das hat mich gereizt, da geistig reinzugehen und mich mit diesen Menschen zu beschäftigen.“

Briefkontakt mit Inhaftierten der JVA Celle

Sie ist eine von bundesweit etwa 600 Ehrenamtlichen, die einen Briefwechsel mit den Inhaftierten pflegen. Manche treffen sich sogar persönlich mit ihnen, zum Beispiel zu Gesprächen oder in Bibelkreisen. In Celle gibt es das „Kreativ-Café“. Inhaftierte, die die Gefängnismauern dank einer Lockerung hin und wieder verlassen dürfen, begegnen hier Ehrenamtlichen und anderen Interessierten für Aktivitäten wie Informationsnachmittage oder Spaziergänge. „Die Inhaftierten, die bei solchen Veranstaltungen mitmachen, wollen sich austauschen und ein bisschen geistige Nahrung mitnehmen. Wenn man jahrelang eingesperrt sitzt, kommt man fast zwangsläufig dazu, auch mal über sich und die Welt nachzudenken“, sagt Diakon Holger Reiss. Er leitet in Celle die Anlaufstelle für Straffällige, das „Projekt Brückenbau“, und ist einer der wenigen Hauptamtlichen. Die Inhaftierten der JVA Celle – allesamt Männer – sitzen nur ein paar Gehminuten von den Räumen des Vereins entfernt mindestens fünf Jahre ein. Wer dort landet, hat sich weit mehr als ein Kavaliersdelikt geleistet.

Für den Verein geht es um den Kern des Christentums: zu den Ausgestoßenen, am Rande Stehenden zu kommen. Für die Gefangenen, die die Angebote annehmen, geht es oft um existenzielle Fragen, erzählt Ute Passarge, die für die Öffentlichkeitsarbeit und Begleitung der Ehrenamtlichen zuständig ist: Den Inhaftierten gingen manche Bibelstellen mehr ans Herz als uns „draußen“, so Passarge. Das Buch Hiob spreche Menschen ganz anders an, wenn sie selbst einen Tiefschlag erlebt hätten. „Die Inhaftierten kennen dieses Gefühl, dass alles weg ist, alles verloren – und nur noch Gott da ist. Und dann zu lesen: Bei Gott ist alle Schuld vergeben – vielleicht nicht in der Gesellschaft, aber dort bei ihm: Das ist ein Anfang und eine wirklich gute Botschaft“, sagt Ute Passarge.

Die Post der Strafgefangenen landet direkt auf dem Schreibtisch der ehrenamtlichen Briefeschreiberin Foto: Julia Teuber

Im Knast gibt es unter den Inhaftierten kein Vertrauen

Inga Teuber spürt in den Briefen, die sie von Inhaftierten bekommt, deutlich deren Grenzen: „Sobald nach einigen Briefen ein wenig Vertrauen gewachsen war, war ich der seelische Mülleimer. Da wurde mir alles vor die Füße geworfen. In dem Moment wusste ich, dass ich die einzige bin, bei der das geht, denn im Knast gibt es kein Vertrauen. Nur manchmal vielleicht zur Gefängnisseelsorge.“

„Es gibt zwar natürlich viele Bedienstete in den Justizvollzugsanstalten, die sich um die einzelnen Gefangenen sehr bemühen“, ergänzt Holger Reiss. „Sie können ihnen aber leider oft nicht das Gefühl von Vertrauen vermitteln. Die Gefangenen sind oft durch schlechte Erfahrungen geprägt und öffnen sich nur sehr vorsichtig.“

„Im Grunde geht es um Menschenliebe“

Inga Teuber kann als Briefkontakt ein wenig das vermitteln, was die Inhaftierten sonst nicht mehr finden: Akzeptanz. „Es geht darum, liebevoll auf eine Situation zu blicken, die in sich nicht ein Fünkchen von Liebe enthält. Sie brauchen nicht noch jemanden, der in sie dringt, auf der Suche nach der Wahrheit oder was auch immer, das haben Richter und Anwälte schon getan. Im Grunde geht es um Menschenliebe.“

Teilnahme an Bibelstunden und anderen Aktionen ist freiwillig

Spätestens wenn es auf die Entlassung zugeht, versucht Holger Reiss, wenigstens einmal mit jedem Inhaftierten der JVA Celle zu sprechen. „Wir wollen schauen, ob es eine Perspektive gibt: Manche können zu ihrer Familie zurückgehen, haben vielleicht sogar Arbeit bei einem selbstständigen Bruder in einer Werkstatt in Aussicht oder so etwas. Bei anderen versuchen wir, Arbeit und eine Wohnung zu vermitteln“, sagt Holger Reiss. Einmal stellte das Schwarze Kreuz beispielsweise Kontakt zum Brandmeister der Freiwilligen Feuerwehr des Wohnortes her, der den Ex-Gefangenen in die Gruppe aufnahm. „Der ist nun seit drei Jahren super motiviert dabei und begeistert jetzt seine Tochter ebenfalls für die Feuerwehr“, erzählt Reiss.

Auch um scheinbar banale Alltags­technik geht es – schließlich hat sich die Welt da draußen in Jahren oder sogar Jahrzehnten verändert: „Klappt das, eine Fahrkarte am Automaten zu kaufen oder Geld abzuheben?“, erläutert Holger Reiss. „Und dann kommen solche Fragen wie: Wie reagiere ich, wenn ein Kollege herausfindet, dass ich im Knast war, und vielleicht sogar nicht mehr mit mir arbeiten will? Darauf sollte man sich vorbereiten.“

Aber es gebe auch die ganz anderen Fälle, die, die nicht mehr „raus“ wollen. „Ich kenne einen Inhaftierten, der sitzt seit etlichen Jahrzehnten ein“, erzählt Holger Reiss. „Er stellt keine Anträge auf Freigang oder so, nichts in der Art. Er sagt: ,Was soll ich da draußen, ich kenne diese Welt nicht mehr‘.“

„Das ganze ist keine Einbahnstraße“

Wie geht man mit so jemandem oder anderen Inhaftierten um, kann man überhaupt Hoffnung machen? „Na ja, erst mal kann man für jemand anderen keine Hoffnung herstellen“, sagt Inga Teuber. „Was ich tun kann, ist, einzelne Punkte aufzunehmen und fragen: Was kannst du daraus lernen? Kannst du nicht Hilfe holen, gibt es nicht auch Strukturen, die dir helfen? Denn eins ist immer klar: Ich habe demjenigen nichts zu sagen und schon gar nichts zu raten – er lebt in einer ganz anderen Welt als ich, die ich von außen niemals verstehen kann. Ich kann nur mit offenen Augen und Ohren lesen und Fragen stellen: Warum ist dies oder jenes so? Das ist übrigens auch für mich bereichernd, die Übung in Toleranz und Akzeptanz, das Einstellen auf eine fremde Sichtweise. Das Ganze ist keine Einbahnstraße.“

Diese Erfahrung teilt auch Ute Passarge. Sie berichtet von einer Ehrenamtlichen, die jüngst nicht ganz ernst gemeint zu ihr sagte: „So ein Mist, da wollte ich mal etwas Gutes tun und einen Briefkontakt übernehmen – und nun ändert sich meine ganze Weltanschauung. Das wollte ich gar nicht.“ Diese „Nebenwirkungen“ sehe sie jedoch sehr gern!

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