Nikodemuskirche entwidmet

Trauer und Vorfreude

Die Nikodemuskirche bewegt die Menschen im Stadtteil Ohlsdorf. Das Gebäude soll künftig ein Zentrum für Hamburger Kunst werden, was nicht alle so befürworten.

Abschied von der Nikodemuskirche: Am Pfingstwochenende wurde das Gotteshaus in Ohlsdorf entwidmet.

von Johanna Tyrell

Ohlsdorf. Ohlsdorf und Kunst. Bei dieser Kombination denkt so mancher wohl zunächst an Grabmalkunst. Doch das soll sich ändern. Die Nikodemuskirche wird künftig das „Zentrum für Hamburger Kunst“ beherbergen. Am Pfingstwochenende wurde sie entwidmet, im Herbst sollen die Umbauarbeiten beginnen.

„Seit 2016 waren wir auf der Suche nach einem Standort für die Sammlung unserer Mutter Maike Bruhns“, sagt Sönke Bruhns. Zusammen mit seinem Bruder Arnt Bruhns hat der Hamburger Immobilienunternehmer die Kirche und die anderen Gebäude auf dem Gelände in Erbpacht übernommen. Hier soll künftig die umfangreiche Sammlung Hamburger Kunst, die Maike Bruhns zusammengetragen hat, zu sehen sein.

Raum für Hamburger Kunst

Die promovierte Kunsthistorikerin, Kuratorin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes stellt dazu ihre Sammlung mit rund 2500 Arbeiten von 350 Künstlern zur Verfügung. Zusammen mit Claus Mewes, dem langjährigen Leiter des Hamburger Kunsthauses, habe sie das Konzept des neuen Kunstzentrums entwickelt. Er wird in Ohlsdorf auch künftig die Ausstellungen kuratieren. Doch es gehe nicht nur um die Kunst seiner Mutter, erklärt Bruhns. Die großen Hamburger Museen seien sehr international ausgerichtet. In Ohlsdorf solle explizit die Hamburger Kunst Raum erhalten. „Es gibt in Ohlsdorf bislang wenig Kultur, aber viele kulturinteressierte Menschen.“

Die Baugenehmigung sei bereits erteilt, so Bruhns. Im Herbst soll der Umbau beginnen. Wenn alles glatt läuft, öffnen sich ab der ersten Jahreshälfte 2023 die Kirchentore für Ausstellungen, Vernissagen, Vorträge und Veranstaltungen. Mittelfristig soll auch das Gemeindehaus genutzt werden. Hier wird ein Forschungszentrum für Hamburger Kunst mit Bibliothek und Archiv entstehen.

Kirche, Gemeindehaus und Kita bleiben für Nachnutzung erhalten

Sieben Kirchen wurden in den vergangenen zehn Jahren im Kirchenkreis Hamburg-Ost entwidmet. Mit Blick auf die Nikodemuskirche freue man sich über die gefundene Lösung der Nachnutzung. Das denkmalgeschütze Ensemble werde erhalten, es erfolge eine kulturelle Nachnutzung, eine evangelische Kita bleibt am Ort und die Kirche bleibt offen, teilte er auf Anfrage mit.

„Es war ja die Angst da, dass abgerissen wird und Häuser auf dem Grundstück gebaut werden.“ Dass nun nicht nur die Kirche, sondern auch das Gemeindehaus mit der Kita als Gebäude erhalten bleiben, empfinden viele als beruhigend, sagt Bernd Müller-Teichert. Er ist im Kirchenkreis für Strukturanpassungen zuständig und hat den Prozess als Pastor begleitet. „Aus meiner Sicht hat diese Nachnutzung Vorbildcharakter.“ Und was ist, wenn das Kunstzentrum nicht laufen sollte? „Die Nutzung ist als Kunstforum beschlossen“, erklärt Müller-Teichert. „Falls aber zum Beispiel nach 30 Jahren die Nutzung verändert werden soll, kann dieses im Einvernehmen mit den kirchlichen Gremien geschehen.“

Die Wunden sind frisch, die Trauer groß

Sabine Oppelt überzeugt das nicht. „Unser Fusionspartner opfert uns, um sich zu finanzieren“, sagt die Baujuristin und Vorsitzende des Fördervereins der Nikodemuskirche. Zusammen mit anderen Gemeindemitgliedern kämpft sie seit Jahren für den Erhalt der Kirche als Gotteshaus ihrer Gemeinde. „Diese Kirche ist die einzige, die wir uns leisten können.“

Mit dem Fusionspartner ist die Gemeinde der St.-Marien-Kirche gemeint. Vor mehr als zehn Jahren fusionierten die beiden. Seitdem wurden beide Kirchengebäude unterhalten. Die Kirchen sind fast gleich alt. Der Kirchenkreis Hamburg-Ost stuft St. Marien als „auf jeden Fall förderfähig“ ein, Nikodemus in Ohlsdorf als „nicht förderfähig“ – für diese Gebäude bekommen Gemeinden vom Kirchenkreis kein Geld mehr. Wenn sie sie erhalten wollen, müssen sie selbst dafür aufkommen.

„Der Abschiedsprozess von der Nikodemuskirche währt nun schon über vier Jahre und ist unabhängig von Sanierungsnotwendigkeiten von St. Marien geführt worden“, erklärt Müller-Teichert. „Durch Denkmalamt und Kirchenkreis sind Fördermittel zu erwarten, sodass die Sanierung finanzierbar ist.“ Das sieht Sabine Oppelt anders. Die Nikodemuskirche könne sich finanziell tragen, eine Sanierung sei immer ein finanzielles Risiko. Sie und andere Gemeindemitglieder werden sich eine neue Gemeinde suchen. Die Wunden sind frisch, die Trauer groß. „Das ist unsere Kirche. Wenn die Kinder bei Konfirmationen dort stehen, das Licht reinfällt – das wird es alles nicht mehr geben.“

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