Tief durchatmen

Pastor Henning Kiene schreibt wie Jesus mit dem Wort vom leichten Joch für ein wenig Unbekümmertheit im Leben sorgt.

Der Predigttext des kommenden Sonntags lautet: „Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ aus Matthäus 11, 25-30

Am Ostseestrand: Paare wandern Hand in Hand. Blasse Gesichter strahlen in der Sonne. Kinder errichten sandige Bauwerke. Erleichterung ist seit Pfingsten mit Händen zu greifen. „Wir haben viel geschafft.“ Eine schwere Last weicht. Die Schultern entspannen. Ein Zwischenraum öffnet sich zum tiefen Durchatmen. Der Himmel schickt diese Ruhe.

Viele Gespräche führen in die Zeit seit März zurück. Was hast du erlebt? Es war hart. Welche Not hast du durchgestanden? Und deine Kinder? Haben wir das alles im Griff? Die Ruhe wirkt zerbrechlich, noch. Viele suchen lange, um die richtigen Worte für das Erlebte zu finden. Über die Lasten, an denen andere tragen, kann man nur spekulieren. Wir ahnen Schlimmes. Schwer tragen die Menschen in der Ferne. Unsere Partnerkirchen leiden. Vieles wird für eine lange Zeit ganz anders sein. Unser Joch ist leichter geworden. Andere tragen schwerer als wir.

„Vater unser im Himmel“. Seitdem wir wieder gemeinsam Gottesdienst feiern, klingt das Vaterunser anders. Die Stimmen sind fester, beten lauter, sprechen drängender. Es wirkt so, als hätten wir in den alten Worten Neues entdeckt. Neu beten lernen macht es einem leichter. Wir sind inniger geworden, dünnhäutiger. Das kommt von Jesus. Mit dem Wort vom leichten Joch sorgt er für etwas Unbekümmertes im Leben. Er schafft einen Zwischenraum. Er belebt uns. Im März, als die Glocken läuteten und wir beteten, hofften wir inständig. Jetzt ist es anders.

Wir empfinden eine Kraft, die den Gebeugten ihre aufrechte Haltung zurückgibt. Im Evangelium nutzt Jesus eine Pause. Er stimmt inmitten aller Lasten ein Jubellied an und trägt den „Heilandsruf“ in Richtung Himmel. Zwischen der Erinnerung an Sodom und Gomorra und einem heftigen Streitgespräch fallen die Lasten. Ein unbeschwerter Zwischenraum entsteht. Jetzt einmal tief durchatmen!

Unser Autor
Henning Kiene ist Pastor im Pfarramt Ahlbeck-Zirchow auf Usedom.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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