Bremer Sozialprojekt hilft Studenten und Schülern

Tausche Bildung gegen Wohnen

Bei dieser Idee gibt es nur Gewinner: Studenten bekommen kostenlos ein WG-Zimmer und unterstützen im Gegenzug Schüler bei den Hausaufgaben. Mit diesem Konzept startet jetzt ein Bremer Sozialprojekt, durch Spenden finanziert.

Sargis Poghosyan, Andres Sotomayor und Azam Khan (alle 25) und Sina Glinka (19) beteiligen sich am Sozialprojekt „Study Friends Groepelingen"

von Dieter Sell

Bremen. Auf dem Klingelschild an der Haustür steht noch „Kultur vor Ort“. Aber Andrés Sotomayor und Azam Khan haben schon die Schlüssel für ihre neue Wohnung, die sie in den nächsten Tagen beziehen. Die Studenten haben sich in Bremen bei einem Projekt beworben, das jetzt startet und unter dem Titel „Study Friends“ doppelten Profit verspricht: Studenten erhalten gratis ein WG-Zimmer und helfen im Gegenzug Schülern bei Hausaufgaben und im Unterricht.

Zum Auftakt im Stadtteil Gröpelingen wurden fünf junge Leute im Alter zwischen 19 und 25 Jahren ausgewählt, die in zwei Dreizimmer-Wohnungen spendenfinanzierte WG-Zimmer bekommen. Die Kosten übernimmt die Deutsche Kindergeld-Stiftung zunächst bis 2024 mit jährlich 12.000 Euro. Die Studierenden müssen nur für Strom und Abwasser aufkommen und ein Deponat hinterlegen. „Das ist eine tolle Chance für die Kinder, die sich mit den Studierenden weiter entwickeln können“, meint Stiftungs-Geschäftsführerin Birgitt Pfeiffer.

Mit ausländischen Wurzeln

Gröpelingen ist ein Stadtteil, in dem viele Familien mit ausländischen Wurzeln leben. „Gerade hier brauchen Schülerinnen und Schüler Unterstützung“, sagt Martin Karsten, Mitorganisator des Projektes. Deshalb helfen die Studierenden den Lehrkräften der Neuen Oberschule Gröpelingen in den fünften und sechsten Klassen jeweils mit 25 Stunden im Monat.

Beide Seiten profitieren

„Dabei profitieren beide Seiten“, ist Schulleiterin Martina Semmler überzeugt: „Die Studierenden machen Erfahrungen, die sie im weiteren Leben gut gebrauchen können – und für die Kinder sind die Studierenden Vorbilder, an denen sie sehen können, dass es sich lohnt, sich auf den Weg zu machen.“

Über Social-Media-Kanäle wurde für das Projekt geworben, dann kamen Bewerbungsgespräche. Sie habe sich schon in der Schülervertretung und in einer Schülerfirma engagiert, berichtet Sina Glinka von ihren Vorerfahrungen. Nun freut sich die 19-Jährige, die in Bremen Politikmanagement studieren will, auf die WG und auf die Hospitation in den Klassen, bei der es die ersten Kontakte zu den Kindern gibt.

Alles wird dokumentiert

„Das kann nur klappen“, zeigt sich auch Sargis Poghosyan optimistisch, der in Bremen Germanistik und Kommunikations-Wissenschaften studiert. Gleichzeitig seien noch viele Fragen offen, sie seien ja Projekt-Pioniere, ergänzt der 25-Jährige. „Eine ist, ob wir überhaupt Internet haben oder eine Waschmaschine“, sagt Andrés Sotomayor, der in den Fächern Kultur- und Erziehungswissenschaften eingeschrieben ist.

Hilfe bei den Hausaufgaben, Unterstützung einzelner Schüler, Werkstattangebote am Nachmittag – die Studierenden können sich viel vorstellen. Doch zunächst haben sie Verträge unterschrieben. „Die abgeleisteten Stunden werden dokumentiert“, verdeutlicht Karsten. „Es geht hier eben um Leistung und Gegenleistung.“

Gute Erfahrungen in anderen Städten

Die Einsatzplanung und die Anleitung der Studierenden übernimmt eine Lenkungsgruppe. Überhaupt wurde „Study Friends Gröpelingen“ durch ein Bündnis möglich, das Karsten zufolge zügig und „völlig geräuschlos“ arbeitet. Beteiligt sind neben dem städtischen Wohnungsbauunternehmen Gewoba, der Schule und der Stiftung auch das örtliche Quartiersbildungszentrum, der Verein „Kultur vor Ort“ und die Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnungsbau.

Gute Erfahrungen mit der Idee haben bereits Projekte in Duisburg, Gelsenkirchen und Bremerhaven gemacht, in der Seestadt unter dem Namen „Bildungsbuddies“. Die Beteiligten hoffen, dass das Projekt über die dreijährige Anschubphase hinaus läuft und das künftig noch mehr Studierende und Schulen eingebunden werden können. Die Rückmeldungen von den Bremer „Pionieren“ jedenfalls sind durchweg positiv. Andrés Sotomayor spricht für alle, wenn er voller Tatendrang sagt: „Das ist genau das, was ich machen möchte.“ (epd)

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