Systemwechsel

Über die Art unseres Denkens schreibt Johannes Grashof. Er ist Pastor in Pasewalk (Mecklenburg-Vorpommern).

Der Predigttext des kommenden Sonntags lautet: „Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.“ aus Jesaja 40, 26-31

Hallo? Geht’s noch? So kommt Gottes Ausruf im Jesaja-Buch durch den Prophetenmund. „Halo jada’ta?“ – „Weißt du nicht?“ Oder eben: „Hallo, geht’s noch?“ Dieser Vorwurf traf Leute, die sagten: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber.“ Dem Blutrausch der babylonischen Eroberer waren sie entronnen, aber in die Fremde verschleppt, traumatisiert, mit zerstörtem Weltbild. Gott hatte nicht, wie von ihm erwartet, seine schützende Hand über sie gehalten. Zu ihm noch zu beten hilft jetzt wohl auch nicht mehr. So dachten sie: Hallo, geht’s noch? Lag das Desaster, in das sie geraten waren, etwa an Gott?

Es ist leicht, die Schuld bei anderen zu suchen. Vorzugsweise bei Gott. Leichter, als zuzugeben: Wir haben uns das selbst eingebrockt. Gott ist nicht dazu da, die Konsequenzen unseres eigenen Versagens abzufedern. Aber der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde erschaffen hat, wird nicht müde noch matt. Und deshalb: Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler. Gerade in schlechten Zeiten ist es daher richtig, sein Gottvertrauen zu behalten und zu pflegen. Auch nach fünf Wochen Lockdown gilt: Die Corona-Krise ist keine Strafe Gottes. Eher eine weitere Konsequenz aus unserem menschlichen Raubbau an der Natur. Wir zerstören immer mehr Lebensräume. Wundert es uns wirklich, dass wir uns Krankheiten einfangen, die wir nie bekommen würden, wenn wir Fledermäuse und Schuppentiere einfach in Ruhe ließen? Natürlich müssen wir jetzt alles tun, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen. Experten sind gefragt, beherzt­ handelnde Politiker, besonnene und solidarische Bürger. Aber wir brauchen mehr als die Kraft zur Schadensbegrenzung. Nötig wäre ein Systemwechsel in unserem Denken.

Durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten sind wir wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung, heißt es im 1. Petrusbrief. Das befreit zu einem Leben, das nicht von Gier bestimmt wird, sondern von der Liebe. Lassen wir uns von Gott neu dazu bewegen.

Unser Autor
Dr. Johannes Grashof ist Pastor in Pasewalk in Mecklenburg-Vorpommern.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren