Das Labyrinth von Kartlow in Mecklenburg-Vorpommern

So verschlungen wie mancher Lebensweg

Im Pfarrgarten eines vorpommerschen Dorfes ist in Teamarbeit ein spiritueller Weg entstanden. Die Kirchengemeinde hat gemeinsam angepackt und ein begehbares Labyrinth geschaffen.

Konfirmanden verlegen die letzten Steine

von Anja Goritzka

Kartlow. „Das Labyrinth kann als Lebensweg verstanden werden, auf dem man seine eigene innere Mitte sucht auf dem Weg zu Gott“, ist Ulrich Koring aus Heilbronn überzeugt. Sieben christliche Labyrinthe aus Stein, anderen Naturmaterialien und sogar Schnee hat der Ruhestandspastor an verschiedenen Orten in Deutschland schon mitgebaut, darunter eines im Kloster Kirchberg in Sulz am Neckar. Und nun im vorpommerschen Kartlow.

Die Idee zu dem begehbaren Labyrinth im kleinen Dorf bei Jarmen kam von Pastorin Silke Kühn. Bei Klassentagungen hatte sie das Exemplar in Kirchberg kennengelernt. „So ein Labyrinth ist ideal, um über Lebenswege zu sprechen“, findet sie. „Wo gab es mal Barrieren, welcher Weg nahm eine andere Richtung?“ Und das gemeinsame Bauen schweiße alle Helfer zusammen.

Geduld gefragt

In Kartlow ist das Labyrinth auf dem Pfarrhof entstanden, viele Hände fassten an. Die verbauten Steine stammen von einer alten Scheune, die zuvor auf dem Pfarrgelände stand und abgerissen wurde. Anfang der Herbstferien kamen die Jugendlichen aus Jarmen und der Pfarrei Kartlow dann zum Konfirmandenwochenende mit Baueinsatz zusammen: Die ersten Steine wurden gelegt, der Splitt mit der Kelle abgezogen und die Rotbuche in der Mitte gepflanzt. „Das erfordert schon Geduld“, meint die Pastorin. Für 14 Dörfer mit vier Kirchen südlich von Jarmen ist sie zuständig. Die Jugendlichen seien gut dabei gewesen, sagt sie. Einzelne hätten zwischendurch auch mal auf ihre beiden Kinder aufgepasst, damit sie und ihr Mann mitarbeiten konnten.

Im Laufe der Ferien kamen dann immer wieder Jugendliche vorbei, zum Teil mit ihren Eltern, außerdem andere Gemeindemitglieder. „Die Hilfe innerhalb der Gemeinde ist groß“, erzählt die Pastorin. So packten in den Herbstferien viele mit an, andere schauten nur oder brachten Kuchen für die fleißigen Bauarbeiter.

Es begann als Scherz

„Es macht Spaß, hier mitzubauen. Gerade jetzt, wenn man nicht so viele Kontakte hat, ist es schön dabei zu sein“, sagt die 23-jährige Felizitas Hesse, die zusammen mit ihrer Schwester und ihren Eltern regelmäßig mit anpackte: „Das Ergebnis reizt mich auch“, sagt sie.

„Als feststand, dass ein Labyrinth entstehen soll, kam gleich die Frage auf, wie das gemacht wird“, so Pastorin Silke Kühn. Sogar mit einer Mathelehrerin habe sie auf dem Hof gestanden und überlegt. Als sie dann im Kloster Kirchberg in Sulz anrief, vermittelte man sie an den Labyrinthbauer Ulrich Koring. Ein reger Austausch per E-Mail folgte. „Ich hatte nur als Scherz gemeint, er könne ja herkommen und mitbauen“, erzählt sie lächelnd. „Und das machte er dann einfach!“

Der Pastor indes findet es toll, wenn eine Gemeinde sich ein Labyrinth anlegen will. Viele biblische Geschichten erzählten von gewundenen Lebenswegen, erklärt er. „Und so ein Labyrinth ist eine Pflege der Spiritualität. Das ist am Stein noch nicht ablesbar, aber wenn man durch ein fertiges Labyrinth geht, ist es ein Übungsfeld der Selbstfindung.“ Kein Sport oder bloßer Zeitvertreib.

Die Form lade vielmehr zur Reflexion des eigenen Lebensweges ein. Anders als Irrgärten bestehen Labyrinthe aus einem langgezogenen Weg, der in die Mitte und wieder hinaus führt, erklärt er. „Wenn die Füße gehen, ist es eine sichtbare Form des Gebetes.“

Vorbild war das Labyrinth von Chartres Foto: picture-alliance/maxppp/Franck Fouquet

Vorbild für das Labyrinth von Kartlow ist eines im französischen Chartes vom Anfang des 13. Jahrhunderts. In der dortigen Kathedrale ist es mit schwarzen und grauen Steinplatten in den Boden eingearbeitet: Elf Kreise mit 34 Kehren bilden einen fast 270 Meter langen Weg. Darüber hinaus formen die sogenannten Balken ein Kreuz. In der Kathedrale von Chartres verdecken Stühle meist das Labyrinth. Nur am Johannistag am 24. Juni werden sie zur Seite gestellt, und das Labyrinth ist für die Besucher begehbar.

Nur ein Schild fehlt noch

Anstelle von elf Umgängen sind im Pfarrgarten von Kartlow nur acht möglich. Dennoch beträgt der Weg hin und zurück auch fast 270 Meter. Am 11. Oktober wurde das Labyrinth auf dem Pfarrhof in Kartlow mit einem Festgottesdienst eingeweiht. Interessierte sind jederzeit eingeladen, es zu besuchen und zu begehen.

Nur ein besser sichtbares Schild im Dorf selbst fehlt noch, denn die Kirche samt Pfarrhof liegt am Rand. Der Weg wird immer schmaler, und so mancher Besucher denkt, er führe gar nicht weiter.

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