In der Kirche von Mohrdorf bei Stralsund

So rettet man einen Engel – in fünf Schritten

Einst lag er im Seitenschiff, doch seit diesem Jahr fliegt er wieder: der Taufengel in Groß Mohrdorf. Eine Rettungsgeschichte in fünf Schritten.

Der Taufengel von Groß Mohrdorf, erschaffen 1724vom Stralsunder Bildhauer Elias Keßler

von Sebastian Kühl und Sybille Marx

1. Entdeckung auf der Erde
Im Jahr 1945 war der historische Taufengel aus der Kirche in Groß Mohrdorf bei Stralsund abgestürzt. Jahrelang lag er weitgehend unbeachtet im Seitenschiff unter einer Treppe. Erst die Recherchen von Autorin Brigitte Becker-Carus in der Groß Mohrdorfer Kirche machten die Gemeinde so richtig aufmerksam. Becker-Carus arbeitete an dem Buch „Taufengel in Pommern“.
2. Beschluss zur Rettung
„Frau Becker-Carus hat den Groß Mohrdorfer Taufengel als schönsten Engel in Mecklenburg-Vorpommern bezeichnet“, erzählt Ingrid Hartmann vom Förderverein der Kirche. 1724 hatte ihn der Stralsunder Bildhauer Elias Keßler (1685-1730) geschaffen. Keßler gilt als einer der großen barocken Bildhauer Norddeutschlands. Laut Becker-Carus ist es typisch für seine Engelsfiguren, dass sie „eine fast männliche Ausstrahlung“ haben. Kirchengemeinde und Förderverein beschlossen, ihren geflügelten Mann zu retten.
3. Die Suche nach Spenden
Einen gefallenen Engel wieder in himmlische Höhen zu heben, ist teuer. Rund 16.000 Euro hat es in Groß Mohrdorf gekostet. Der Verein habe viele Spenden gesammelt, erzählt Ingrid Hartmann. Unterstützung kam von der Ursel-Grohn-Schönrock-Stiftung.
4. Ab in die Werkstatt
An der Hochschule für Bildende Künste in Dresden wurde der Engel restauriert. Restaurator Stephan Thürmer ergänzte die Arbeiten bildhauerisch. Auch die Aufhängung über dem Altar musste erneuert werden. „Beim Anbringen des Engels hat uns die Feuerwehr unterstützt. Das war eine Riesenaktion“, erinnert sich Ingrid Hartmann. Allein die Suche nach der historischen Öffnung in der Decke sei mühsam gewesen. Putz lag darüber.
5. Ein Fest für den Engel
Im Mai feierte die Gemeinde Groß Mohrdorf Tauf-Engelfest. „Eigentlich ist der Engel schon im Dezember zurückgekehrt, doch wir wollten auf den Frühling warten“, erklärt Ingrid Hartmann. Die Freude sei groß gewesen, auch wenn der Taufengel seine eigentliche Funktion nicht mehr erfüllen kann. Seine Arme sind zu schwach, um die Taufschale sicher zu halten. Einen Mechanismus, mit dem er bei einer Taufe herabschweben würde, gibt es daher nicht. „Stattdessen haben wir den alten Taufstein erneuern lassen“, erzählt Ingrid Hartmann. Schwer heben mussten also andere: die Männer, die den historischen Steinfuß an den rechten Platz rückten. Aus dem Fundament eines Emporenpfeilers wurde er geborgen und stammt vermutlich aus dem 15. Jahrhundert. Becken und Mittelstück hat die Gemeinde neu anfertigen lassen.

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