Welcome Dinner

So kochen Hamburger für Flüchtlinge

Mit dem Welcome Dinner können Hamburger Flüchtlinge zu einem Abendessen einladen und in der neuen Heimat willkommen heißen. Auch eine Syrerin sammelt erste kulinarische Erfahrungen in Deutschland.

Karim (re.) freut sich sichtlich auf Rosmarinkartoffeln und Salat, die Gastgeberin Judith Fietz auffüllt. Karims Mutter Rasal schneidet das Fleisch für Tochter Lana.

von Timo Teggatz

Hamburg. Ihre neue Heimat schmeckt Rasal ziemlich gut. Gern nimmt die junge Frau aus Syrien noch ein bisschen Nachschlag von den Rosmarinkartoffeln und dem Hähnchenfleisch mit Tomatensoße. Gastgeberin Judith Fietz füllt ihr den Teller und lächelt, während Rasal sehr zufrieden dreinblickt. Diesen Abend haben sich beide Frauen vermutlich genauso vorgestellt.
Dass sich die Wege der Frauen kreuzen, haben sie dem Welcome Dinner zu verdanken. Diese private Initiative ist von vier Hamburgern vor etwa einem Jahr ins Leben gerufen worden, also zu einem Zeitpunkt, als die große Flüchtlingswelle noch gar nicht eingesetzt hatte. Die Idee: Hamburger laden Flüchtlinge zu einem Essen zu sich nach Hause ein, um sie in der Stadt willkommen zu heißen. Wer fremden Menschen ein Essen spendieren möchte, muss  auf der Homepage der Initiative ein Formular mit dem gewünschten Datum und der Anzahl der Gäste ausfüllen.

45 Ehrenamtliche helfen

Mit dem Beginn des großen Flüchtlingsstroms ist auch das Welcome Dinner beliebter geworden. „Wir haben nie Werbung gemacht, das Welcome Dinner hat sich zu einem großen Teil über die sozialen Medien sehr schnell verbreitet“, sagt Ines Burckhardt, die die Initiative mit aus der Taufe gehoben hat. Seit Weihnachten hat der Zuspruch von Hamburger Gastgebern etwas nachgelassen, dennoch werden 20 bis 30 Abendessen pro Woche vermittelt.
Für das Welcome Dinner sind inzwischen 45 Ehrenamtliche aktiv. Die meisten kümmern sich darum, das Welcome Dinner unter den Flüchtlingen bekannt zu machen, stellen es zum Beispiel in Deutschkursen vor. Auch in Schulen wollen sie demnächst werben, um das Essen der besonderen Art geflüchteten Familien zu präsentieren. Denn viele Gastgeber möchten eine Familie bekochen.
Deutsch spricht Rasal noch nicht, doch sie verständigt sich mit ihren Gastgebern bestens auf Englisch. Während Judith Fietz und ihr Partner Kim Kruse in der Küche das Essen vorbereiten, erzählt sie, wie sie mit den beiden Kindern Karim (6) und Lana (2) vor vier Monaten in Deutschland angekommen ist. Da hatten die drei eine Flucht über die Balkanroute hinter sich: mit dem Boot von der Türkei nach Griechenland und dann weiter Richtung Norden nach Deutschland. In Deutschland ging es von Berlin über Essen nach Hamburg. Meldungen über Flüchtlinge auf dieser Route hört man oft, doch am Wohnzimmertisch bei Judith Fietz und Kim Kruse bekommen sie Gesichter.

Der Abend ist nicht immer lustig

Im Laufe des Abends wird die Stimmung immer besser in der Wohnung in Eimsbüttel.  Dafür sorgen nicht zuletzt die Kinder, denn Lana und Karim verstehen sich bestens mit „Hausherr“ Vincent (5). Für Lacher sorgt Karim, der in einen Kindergarten für Flüchtlinge geht und unter Beweis stellt, wie gut er sich schon mit seiner neuen Heimat und neuen Sprache auskennt. Am Tisch singt er plötzlich laut „Alle meine Entchen“.
Doch lustig geht es nicht immer zu an diesem Abend. Ernst wird es, als Judith Fietz nach Rasals Mann fragt. „Er ist gestorben“, antwortet die 26-Jährige. Vor zweieinhalb Jahren kam er bei der Explosion einer Bombe ums Leben. Damals war sie schwanger, seine Tochter Lana hat der Vater nie gesehen. Nicht zuletzt deshalb packte sie die Koffer und floh – weg aus dem Bürgerkrieg, in eine bessere Zukunft. Vor allem für ihre Kinder sei sie geflohen, sagt Rasal.
So wie Rasal und ihre Kinder werden Flüchtlinge inzwischen auch in anderen Städten willkommen geheißen. Nach dem Hamburger Vorbild haben sich Welcome Dinner etwa in Berlin, Mainz und Stuttgart gegründet. Im Norden steht Lübeck in den Startlöchern.
Info
Online-Portal zur Flüchtlingshilfe: www.wasdernordenbraucht.de