Sorgentelefon

So hilft die Kirche den Landwirten im Norden

Viele Familien in der Landwirtschaft stehen unter Druck. Um ihnen zu helfen, bietet die Kirche seit vielen Jahren ein Sorgentelefon an. Die Einrichtung hat schon zerstrittene Familien wieder zusammengebracht.

Am Telefon haben die Mitarbeiter für Landwirte ein Ohr (Symbolbild)

von Ilka Thomsen

Kiel. Nein, es rufen nicht mehr Landwirte an, seit der Milchpreis im Keller ist. „Auch während der BSE-Krise hatten wir nicht mehr Anrufe“, sagt Ulrich Ketelhodt. Er ist Fachreferent für Landwirtschaft und Ernährung beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) und koordiniert das Sorgentelefon für landwirtschaftliche Familien. Etwa einmal pro Woche klingelt es.
Seit 1994 gibt es dieses niedrigschwellige seelsorgerische Angebot der Kirche. Fünf geschulte ehrenamtliche Mitarbeiter, die alle selbst aus der Landwirtschaft kommen, hören zu und stellen Fragen, wenn sich jemand mit seinen Nöten an die Nummer 0431 / 55 77 94 50 wendet.
Natürlich spielten der Strukturwandel und die gegenwärtige Krise eine Rolle, doch bei genauerem Hinhören gehe es meist um Fragen des Zusammenlebens, sagt der Agraringenieur Ketelhodt. Der Familienverband habe einfach eine große Bedeutung: „In der Landwirtschaft finden Leben und Arbeiten unter einem Dach statt.“ Wenn es dem Hof schlecht geht, gehe es auch der Familie schlecht – und wenn in der Famlie etwas nicht stimmt, habe das auch wirtschaftliche Auswirkungen.

Konflikte unter Generationen

Ein häufiges Thema am Sorgentelefon sind Generationskonflikte, gerade wenn es um die Übergabe des Hofes geht. So wie bei Familie Behrens (Name geändert). Der 60-jährige Vater hatte den Hof nach dem Krieg in einem schlechten Zustand erworben und ist stolz auf den gut laufenden Schweinemastbetrieb, den er daraus gemacht hat. Sein 30-jähriger Sohn ist dagegen von der Notwendigkeit ökologischen Landbaus überzeugt und kündigt an, den Hof umzustellen. Daraufhin droht der Vater, den Betrieb nicht abzugeben.
„Solche Konflikte kosten Kraft und können krank machen“, weiß Ketelhodt. Dabei gehe es nur vordergründig um unterschiedliche Wertvorstellungen. Im Beispiel der Familie Behrens stand hinter dem Streit das Bedürfnis nach gegenseitiger Anerkennung. In vielen Gesprächen haben sich Alt- und Jungbauer besser verstehen gelernt und leben wieder gerne zusammen auf dem Hof. Andere Sorgen, mit denen Landwirte oder deren Angehörige anrufen, sind Beziehungsprobleme, Einsamkeit oder Geldsorgen. Vielen Anrufern hilft es schon, sich einmal auszusprechen, doch die Berater helfen auch dabei, weitergehende Unterstützung zu finden. Sie haben die vielfältigen Hilfsangebote im Land im Blick.
Um diese Angebote zu stärken und besser zu vernetzen, hat sich jetzt ein breites Bündnis gebildet:  Landwirtschaftsministerium, Berufsverbände, Landwirtschaftskammer, Nordkirche, Landfrauen und Sozialversicherung machen mit. Erstes Ergebnis ist ein gemeinsamer Flyer. „Wir wollen damit ein Zeichen setzen“, sagte Landwirtschaftsminister Robert Habeck bei der Vorstellung des Bündnisses. Für Ulrich Ketelhodt vom KDA ist es ein richtiges Zeichen: „Es zeigt, dass der menschliche Faktor bei allen Institutionen stärker in den Mittelpunkt rückt.“
Info
Das Sorgentelefon für landwirtschaftliche Familien ist rund um die Uhr erreichbar unter der Telefonnummer 0431 / 55 77 94 50 oder per E-Mail: sorgentelefon-online@web.de.
Der Flyer kann im Internet heruntergeladen werden und liegt in Kürze in allen Kirchengemeinden aus.

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