Mirjam Oliva stammt aus einer Basisgemeinschaft

Sie kommt und packt an

Gerechtigkeit lernte Mirjam Oliva von Kindesbeinen an, etwa in der christlichen Gemeinschaft Wulfshagenerhütten bei Gettorf. Acht Monate arbeitete sie in griechischen Flüchtlingslagern. Nun ist sie zurück – und kämpft aus der Ferne gegen die Not.

Mirjam Oliva engagiert sich von zu Hause aus für Krisengebiete

von Sigrid Querhammer

Gettorf. Zweihundert Frauen aus einem Dutzend Länder tanzen ausgelassen. Volksfeststimmung. Kleine Glücksmomente inmitten des Grauens eines überfüllten Flüchtlingslagers am Rande Europas. Seltene Glücksmomente auch für die junge Sozialarbeiterin Mirjam Oliva (25) aus der Nähe von Kiel, die sich immer wieder überfordert fühlt mit dem ganzen Elend auf den griechischen Flüchtlingsinseln. In Lagern, die für 3000 Menschen ausgelegt sind, harren 20 000 Schutzsuche aus. Es fehlt an allem hier – Toiletten, der Zugang zu sauberem Trinkwasser, an Platz. Und an der Aussicht auf faire Asylverfahren.

Aber es gibt Menschen, die das ändern wollen. Menschen wie Mirjam Oliva­. Aufgewachsen ist sie in einer besonderen Großfamilie – in einer Basisgemeinde, einer christlichen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft in Wulfshagenerhütten bei Gettorf und Berlin. Hier hat sie früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen, politisch zu denken, kritisch zu sein, mit unterschiedlichen Meinungen umzugehen. Hier ist ihr Gerechtigkeitsempfinden gewachsen.

Hilfe für Kinder

Mit dem Thema Flucht hat Mirjam Oliva sich seit Kindheitstagen auseinandergesetzt, erzählt sie heute. Ihre Großmutter musste 1945 aus Ostpreußen fliehen. Heimatverlust ohne Rückkehr. Heimatverlust erlebt auch sie als Kind durch unfreiwillige Umzüge.

Unvergleichlich schlimmer ist, was Kinder auf der Flucht erleiden müssen. Diesen Ausgestoßenen will sie helfen und will nach dem Abitur mit dem Berliner Missionswerk für ein Freiwilliges Soziales Jahr in die Flüchtlingsarbeit auf Sizilien. Das klappt nicht. Stattdessen schickt sie das Missionswerk nach Palästina an die deutsche Schule Talitha Kumi in Beit Jala. Die für August 2014 geplante Ausreise verzögert sich wegen des Gaza-Krieges. Niemand weiß, ob die Waffenruhe hält.

Flüchtlingslager auf Lesbos Foto: Jörn Neumann / epd

„Das war schon ein ziemlich heftiger Start nach dem Abitur“, erinnert sich Mirjam Oliva heute. Sie besucht palästinensische und syrische Flüchtlingscamps in der Umgebung und bekommt eine neue Perspektive auf die Fluchtthematik. Die junge Frau entdeckt die Flüchtlingshilfe als Lebensaufgabe, die man professionell machen muss. So studiert sie nach ihrer Rückkehr Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule in Freiburg, belegt dort Seminare zur Migration und Integration. Sie engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit.

Nach Abschluss des Studiums geht Mirjam Oliva im April 2019 zum ersten Mal für vier Wochen auf die griechische Insel Lesbos, im August geht sie für ein halbes Jahr nach Lesbos und Samos. Zusammen mit ihren Kollegen verschiedener Nichtregierungsorganisationen macht sie für Frauen und Kinder Freizeit- und Bildungsangebote. „Auf Lesbos habe ich überwiegend mit Kindern aus den Camps gearbeitet“, berichtet sie. Auf Samos hat sie Aktivitäten für Frauen angeboten – etwa einen Treffpunkt am Sonnabend. „Dabei ging es nicht in erster Linie um die vermittelten Inhalte, sondern auch darum, dass die Menschen eine Tagesstruktur erhalten und ein gemeinsames Ziel haben, das ihnen Grund gibt, das Camp für wenige Stunden hinter sich zu lassen“, so Mirjam Oliva.

Herausforderung für den Glauben

Kleine Glücksmomente sind es, die ihr Kraft geben in diesem Elend, Gespräche mit Kollegen und ihr christlicher Glaube, der „das Erlebte aushaltbar gemacht hat. Ich konnte das abgeben.“ Andererseits ist die Situation eine große Herausforderung für ihren Glauben. „Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass Kinder so leiden müssen.“ Pausen sind für sie wichtig. Sie nimmt sich regelmäßig Auszeiten in Deutschland, um Abstand zu gewinnen und neu aufzutanken.

Im März verändert die Corona-Pandemie Europa, die Lager auf den griechischen Inseln schließen. Die Helfer können nichts mehr tun. Mirjam Oliva kehrt nach Deutschland zurück. „Wir hätten im Ernstfall zusätzlichen Druck auf das völlig unzureichende Gesundheitssystem vor Ort aufgebaut“, sagt sie.

Sie will weiter helfen

Derzeit erholt sie sich in Deutschland von den Strapazen der letzten Monate und versucht aus der Ferne zu helfen. Mit ihrem Bruder Jan Oliva hat sie die Website „Helfen vom Sofa“ ins Leben gerufen. Hier erfahren Interessierte, welche Organisationen noch vor Ort sind und dringend auf Spenden angewiesen sind.

Auch nach der Corona-Krise will die junge Christin weiter mit Flüchtlingen arbeiten, ob in Deutschland oder Griechenland, weiß sie noch nicht. „Die meisten Flüchtlinge haben alles verloren und sind gezwungen, sich auf etwas Neues einzulassen, obwohl sie Stabilität brauchen“, sagt Mirjam Oliva.

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