Zwei ukrainische Ordensschwestern sind nach Hamburg geflohen

Sie helfen, wo sie können

Sie sind selbst vor dem Krieg geflohen und helfen nun anderen: Zwei Ordensschwestern aus dem ukrainischen Chernihiv sind in Hamburg-Billstedt untergekommen – bei Schwester Klarissa.

Geistliche Wohngemeinschaft (v.l.): Schwester Natália, Schwester Klarissa und Schwester Augustyna

von Johanna Tyrell

Hamburg. Ihre Rucksäcke standen schon einen Monat vor der russischen Invasion gepackt an der Tür in ihrem Kloster in Chernihiv, nördlich von Kiew nahe der Grenze zu Weißrussland. Medikamente, Essen für drei Tage, Dokumente. Nun stehen Schwester Natália und Schwester Augustyna 1800 Kilometer weiter westlich in Hamburg-Billstedt. Seit einem Monat bilden sie hier mit der deutschen Schwester Klarissa­ eine geistliche Wohngemeinschaft.

„Ich bin hier wirklich die Oma“, sagt Schwester Klarissa und lacht. Mit Bewunderung erzählt sie, wie schnell sich ihre jungen Mitbewohnerinnen zurecht gefunden hätten. Seit vier Wochen beten, singen, leben die drei nun schon miteinander. Zwei Mal hätten sie in diesem Jahr Ostern gefeiert. Denn in der Ukraine feiert man eine Woche später als in Deutschland. „Aber wir sind alle Christen und in der katholischen Kirche uniert“, so Schwester Klarissa.

Tipp von der Armee

„Wir wollten nicht gehen“, sagen die beiden immer wieder. „Wir haben immer gesagt, wir bleiben, bis die Bomben fallen“, erzählt Schwester Natália. Kurz bevor die Bomben auf die 285000 Einwohner Stadt zu fallen begannen, flohen die beiden dann doch ins westukrainische Lviv. „Schon zwei Monate bevor der Krieg begann, gab es viele Truppenbewegungen in Belarus“, erinnert sich Schwester Natália. Das sei nur eine Übung, habe es geheißen. Doch eine ihrer Mitschwestern war regelmäßig als Seelsorgerin bei der Armee. Dort wurde ihr geraten, doch einen Rucksack zu packen.

Der Krieg hat sie über ganz Europa verstreut: Die ukrainischen Schwestern des Heiligsten Erlösers. Schwester Natália (hinten rechts) wohnt in Hamburg-Billstedt Foto: Privat

Die Aufnahmen, die Schwester Augustyna vom diesjährigen Osterfest in der Kiewer Kirche zeigt, entsprechen so gar nicht den Bildern, die derzeit allgegenwärtig aus der Ukraine zu sehen sind. Ein festlicher katholischer Gottesdienst. Nichts lässt den Krieg erahnen. Doch er ist da. „Wenn keine Bomben fallen, versuchen die Menschen so normal wie möglich zu leben“, sagt Schwester Natália.

Doch da sind die Filme auf den Handys der jungen Schwestern. Filme aus dem Keller des Klosters. Ein Priester, der mit seiner Gitarre einem kleinen Mädchen ein Geburtstagsständchen singt. Man hört Explosionen einen Straßenzug vom Kloster entfernt. Eine Frau aus der Gemeinde, die unter Tränen von den letzten Tagen berichtet.

Im Frankfurter Bahnhofsviertel

Auch Schwester Klarissa ist noch nicht lange in Hamburg. Lange Zeit kümmerte sich die Dominikanerin um die Menschen im Frankfurter Bahnhofsviertel, bevor sie vor einem Jahr in die Hansestadt kam. Nachdem sie eine Zeit lang die Leitung der „Alimaus“ übernommen hatte, leitet sie inzwischen „Klaras Küche“, eine Tafel der Pfarrei St. Franziskus in Billstedt. „Als ich hier herkam, hieß es, ich solle mir keine zu kleine Wohnung nehmen, es kämen noch mehr Schwestern nach“, erzählt Schwester Klarissa. Doch die Zimmer ihrer Wohnung an der Billstedter St.-Paulus-Gemeinde blieben leer. Bis vor einem Monat.


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Die 26-jährige Schwester Augustyna und die 43-jährige Schwester Natália sind Redemptoristeninnen oder auch die Missionsschwestern des heiligsten Erlösers. Ihre Gemeinschaft ist noch sehr jung. Ende der 90er-Jahre, als die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine aus dem Untergrund kam, tat sich eine Gruppe junger Ukrainerinnen zusammen, um eine Ordensgemeinschaft zu gründen. Eine von ihnen war Schwester Natália. Hilfe und Begleitung bekam die Gemeinschaft aus Deutschland. Viele der 27 Schwestern sprechen fließend deutsch.

In Lviv haben sie sich um die Flüchtlinge gekümmert, die täglich in die Stadt strömten. Auch Pavlo Tsvok, Pfarrer der ukrainisch-katholischen Kirche in Hamburg-Neugraben, habe gemerkt, dass immer mehr Flüchtlinge in seinem Gottesdienst saßen, erzählt Schwester Natália. „Normalerweise besuchen sonntags so 20 Menschen den Gottesdienst. Inzwischen sind es 300. Zu Ostern sogar an die 2000.“ Pfarrer Tsvok habe die ukrainischen Schwestern um Hilfe gebeten. Immer wieder fahren seit Kriegsbeginn Gemeindemitglieder aus Hamburg mit Hilfsgütern in die Ukraine.

In Europa verstreut

Am 8. April fuhren Schwester Gugustyna und Schwester Natália auf dem Rückweg mit nach Hamburg. Hier kümmern sich die studierte Theologin und Psychologin um die ankommenden Frauen und Kinder. Zwei Schwestern ihrer Gemeinschaft helfen im irischen Limerick, zwei in Bonn, eine in Wien. „Wir sind dort, wo wir gebraucht werden“, sagt Schwester Natalia.

Zur Ruhe kommen die beiden Ukrainerinnen auch in Hamburg nicht. Sirenen, Martinshörner oder Flugzeuge im Landeanflug lassen sie hochschrecken. Und dann sind da die vielen Bilder, die aus der Heimat auf ihre Handys gelangen. „Wir hoffen, dass wir bald wieder zurück können.“ Bis dahin tun sie hier, was sie können.

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