Porträt zum Jubiläum

Seit 20 Jahren wird „Hempels“ auf der Straße verkauft

Das Kieler Straßenmagazin „Hempels“ wird 20 Jahre alt. Porträt einer besonderen Zeitschrift, die sich in zwei Jahrzehnten immer wieder verändert hat.

Katja Supplitt verkauft in Kiel das Straßenmagazin "Hempels"

von Hartmut Schulz

Kiel. Katja Supplitt geht in Kiel "hempeln". Die 39-Jährige war jahrelang nicht nur arbeitslos, sondern hatte auch kein eigenes Dach über dem Kopf. Das hat sich geändert. Sie wohnt jetzt in einer Mietwohnung und verfügt über ein eher bescheidenes Einkommen. Katja Supplitt verkauft seit einem Jahr das Kieler Straßenmagazin "Hempels", 50 Prozent des Verkaufpreises von 1,80 Euro pro Heft sind ihr Verdienst. "Die Stammkundschaft bringt das meiste Geld", sagt sie. Am 11. Februar 2016 wird im Kieler Landeshaus das 20-jährige Bestehen von "Hempels" gefeiert.
Im Februar 1996 erschien die erste Ausgabe des sozialen Straßenmagazins für Schleswig-Holstein. "Inzwischen sind sowohl unsere Zeitung wie auch unser Beschäftigungsprojekt insgesamt feste Größen in der schleswig-holsteinischen Soziallandschaft", sagt Jo Tein, Vorsitzender des eingetragenen "Hempels"-Vereins. Landesweit bieten derzeit 220 Frauen und Männer das 32-seitige Magazin an, darunter in Flensburg, Lübeck, Husum und Schleswig. Allein in Kiel sind 90 Verkäufer aktiv, sagt Verkaufsleiter Jan Hölzel (52). Oft stehen sie wie auch Katja Supplitt vor Supermärkten.  

Wohnungslose haben selbst geschrieben

Die "Hempels"-Anfänge fanden im August 1995 statt. Eine Gruppe Wohnungsloser traf sich damals in Kiel mit Jürgen Knutzen und Jo Tein, beide zu diesem Zeitpunkt Mitarbeiter der Tageswohnung der Evangelischen Stadtmission. Es gab damals nur vereinzelt Straßenmagazine in Deutschland. Doch die Idee, auch für Schleswig-Holstein ein Magazin zu konzipieren, das die Interessen benachteiligter Menschen vertritt, reifte in den Köpfen, erinnert sich Tein, der mittlerweile hauptberuflich im Kieler Justizministerium arbeitet.
Das Besondere an "Hempels" sollte in den Anfangsjahren sein, dass nicht journalistische Profis für Wohnungslose eine Zeitung machen. "Hempels" wurde zunächst von Wohnungslosen für Wohnungslose geschrieben. "Inzwischen arbeiten jedoch auch wir mit einem weiterentwickelten Konzept", so Tein. Seit 2003 wird die Redaktion von einem ausgebildeten Journalisten geleitet. Ansprüche der Leserschaft machten diesen Schritt in die Professionalisierung nötig. Doch weiterhin können auch die Zeitungsverkäufer eigene Texte im Blatt veröffentlichen.
Das hat beispielsweise der aus Argentinien stammenden Carlos Ramallo (51) getan. Der gelernte Maler hat in der Rubrik "Bei Hempels auf dem Sofa" Einblicke in sein Privatleben gegeben. "Manchmal passieren Dinge, die eine Veränderung erfordern", schreibt er. Bei ihm sei es eine private Liebesgeschichte gewesen, "weshalb ich Berlin verlassen habe und nach Kiel kam". Carlos will jetzt für "Hempels" in der Dithmarscher Kreisstadt Heide aktiv werden.

Als die Auflage im Sinkflug war

"Hempels" mit einer Auflage von derzeit 20.000 Exemplaren hat in den vergangenen Jahren Höhen und Tiefen durchgemacht. So befand sich die Auflage vor dem weiterentwickelten journalistischen Konzept im Jahr 2002 mit nur noch 7.000 Exemplaren auf dem Weg in den Keller. Derzeit erwägt das Redaktionsteam um Jo Tein, ob die Seitenzahl und auch der Verkaufspreis leicht erhöht werden könnten. Ein Modell wäre ein 40-Seiten-Heft, das dann 2.20 Euro kosten würde.
Wichtig ist den "Hempels"-Machern ihr soziales Engagement. Neben der Straßenzeitung bietet der Trägerverein Projekte wie Suppenküche oder Sozialdienst an. Allen liegt die Idee zugrunde, dass die beste Hilfen für arme und ausgegrenzte Menschen bezahlte Arbeit, Selbstbestimmung, eine Lobby und eine Wahlfamilie sind. Im Dezember 2014 wurde für das Straßemagazin eine Stiftung unter dem Dach der Diakonie-Stiftung Schleswig-Holstein gegründet. Diakoniechef Heiko Naß und Tein unterzeichneten die Gründungsurkunde.
Derzeit wird diskutiert, ob von den Erträgnissen der Stiftung Wohnungen in Kiel und Umland gekauft werden sollten. Diese könnten dann zu preisgünstigen und fairen Mieten an Wohnungslose und auch "Hempels"-Verkäufer vermietet werden, erklärt Tein. Denn nicht nur die "Hempels"-Leute machen derzeit die bittere Erfahrung, dass in Kiel kaum noch preiswerter Wohnraum angemietet werden kann. (epd)
Info
Spendenkonto "Hempels"
IBAN: DE17210602370001316300
BIC:GENODEF1EDG

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