Sei du unser Gast

Gastfreundschaft und willkommener Austausch sind ur-christliche Tugenden. Darüber schreibt Hilko Danckwerts, er ist Pastor der Südstadtkirchengemeinde Osnabrück.

Der Predigttext des kommenden Sonntags lautet: „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ aus Hebräer 13, 1-3

„Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“ Das war das Mittagsgebet meiner Großeltern. Und sie nahmen das unglaublich wörtlich, ganz im Sinne unseres Predigttextes.

Jeden Sonntag wurde ein Teller mehr gedeckt, und mein Opa kochte immer ein klein wenig mehr als sonst. Damit das Essen auf jeden Fall für einen unerwarteten Gast reichen sollte. In der Nachkriegszeit wurde dieser Teller häufig in Anspruch genommen, erzählte er mir. Mit den Jahren ließen diese Besuche nach, doch die Tradition blieb bestehen, ebenso wie das Gebet.

Fehlt unseren Kirchengemeinden diese Gastfreundlichkeit? Unsere Osnabrücker Gemeinde hat die Perspektive, die dem Predigttext zugrunde liegt, verändert. Wir wollten nicht gastfrei sein und warten, dass Menschen zu uns kommen. Wir haben darauf gehofft, dass irgendwo da draußen diese Gastfreiheit für die Kirche vorhanden ist.

Ehrenamtliche sind nach einem gemeinsamen Gebet mit dem Segen in die Stadt gesandt worden und haben Gemeindeglieder aufgesucht: Taufeltern und Konfirmanden, die Angehörigen Verstorbener, Männer und Frauen, die ihren 40., 50. oder 60. Geburtstag hatten. Immer hatten sie ein Geschenk dabei wie Rosen oder ein Fläschchen Sekt. Denn wer einen Besuch macht, bringt ein Gastgeschenk mit. Und einen Gruß der Kirchengemeinde, samt kurzer Andacht, abgestimmt auf das Ereignis.

Die Besucher wurden in der Regel freudig aufgenommen; das hatten wir uns auch erhofft. Doch die Begegnung war besonders für unsere Ehrenamtlichen eine beglückende Erfahrung. Sie trafen auf Tränen der Rührung, sprachlose Überraschung oder einfach nur gute Gespräche vor Tür und Angel und unter den Vorzeichen der Corona-Pandemie. Sie alle waren einander wie Engel, Besucher wie Besuchte.

Das war schon bei meinen Großeltern so. Der Extrateller war ihnen sowohl Christenpflicht als auch willkommener Austausch, bei dem sie einander die Neuigkeiten aus Dorf und Stadt weitergaben. Aber es war vor allem eins: Gottesdienst.

Unser Autor
Hilko Danckwerts ist Pastor der Südstadtkirchengemeinde Osnabrück.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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