Schwierige Gnade

Warum wollen sich viele Menschen heute nicht von der Gnade einer höheren Macht abhängig machen? Ein einfacher Landwirt gibt Pastor Tilman Baier die treffende Antwort.

Der Predigttext des kommenden Sonntags lautet: „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ aus dem Epheserbrief 2, 4-10.
„Ich fühl mich wie ein alter Zirkusgaul, der hier nur noch sein Gnadenbrot erhält“, kommt seine Stimme aus dem Lehnstuhl am Fenster. Der alte Landwirt wird einfach nicht damit fertig, dass er auf dem Hof kaum mehr etwas tun kann. Dabei könnte er sich doch zufrieden zurücklehnen. Seine Landwirtschaft, die trotz der Krisen ganz gut läuft, führt jetzt sein Sohn, der ihn auch noch ab und zu um Rat fragt; ihr Verhältnis ist gut. Er wird lebendiger, als ich ihn bitte, zu erzählen, wie es denn damals war, als er nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. „Alles selbst hart erarbeitet, auch wenn ich schon damals nicht mehr der Jüngste war“, meint er stolz, als wir im Fotoalbum blättern.

Er ist ein typischer Vertreter einer Sorte von Männern, die sich in unseren Gemeinden finden. Zwar sind sie nicht oft im Gottesdienst zu sehen, aber sie stehen fest zu ihrer Kirche – egal, woher der politische Wind weht. Wenn es praktische Probleme zu lösen gilt, kann man auf sie zählen. „Treue“ ist für sie ein wichtiges Wort und ebenso „Beständigkeit“. Bei dem manchmal inflationär gebrauchten Wort „Liebe“ wird es schon schwieriger. Nicht dass sie dieses Gefühl nicht kennen würden – aber da ist eine Scheu, es zu zeigen oder gar darüber zu reden. Ebenso ist es mit dem Wort „Gnade“ – es rangiert für sie weit abgeschlagen hinter „Gerechtigkeit“.

Das ist auch für den alten Landwirt so. Er war froh, als er sich selbstständig machen konnte, froh, nicht mehr von der Gnade einer Staatsführung abhängig zu sein, die wie ein Vormund über Unmündige herrschte. Unabhängig zu sein, auf Gerechtigkeit pochen zu können, das hatte ihm Antrieb gegeben. Was er aber nicht versteht, sagt er, dass sich immer weniger „zur Kirche halten“.

Ich versuche, ihn leicht zu provozieren: „Weil sie sich nicht von der Gnade einer höheren Macht abhängig machen wollen?“ Er stutzt einen Augenblick, dann sagt er leise: „Zwischen mir und meinem Herrgott ist das anders. Der hat mich bis hierher getragen, selbst dann, wenn ich nichts dazu tun konnte.“ Treffender lässt sich das Wort „Gnade“ wohl kaum umschreiben.
Unser Autor
Pastor Tilman Baier ist Chefredakteur der Kirchenzeitung in Schwerin
Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.