Ausstellung in Hamburger Deichtorhallen

Sammlung Falckenberg zeigt Tomi Ungerers Lebenswerk

Er war ein "genialer Universalist": Bilder des aus Straßburg stammenden Künstlers zeigen die Deichtorhallen – Werke aus neun Jahrzehnten.

Tom Ungerers Zeichnung "With no eyes to cry with"

von Imke Plesch

Hamburg. Mit einer großen Ausstellung widmet sich die Sammlung Falckenberg der Hamburger Deichtorhallen dem Lebenswerk des französischen Künstlers Tomi Ungerer. Unter dem Titel „Tomi Ungerer – It’s all about freedom“ werden in der ehemaligen Phoenix-Fabrik im Stadtteil Harburg etwa 400 Werke des Zeichners, Illustrators und Kinderbuchautoren gezeigt, der am 28. November 90 Jahre alt geworden wäre. „Ich habe noch nie eine Ausstellung eines Künstlers betreut, in der Werke aus neun Jahrzehnten gezeigt werden“, sagte Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen, bei der Präsentation.

Über drei Stockwerke kann man sich bis zum 24. April 2022 in der Sammlung Falckenberg einen Eindruck von Ungerers vielfältigem Lebenswerk machen. „Er war ein genialer Universalist und passt damit sehr gut in unser Ausstellungskonzept“, sagte Intendant Luckow. Die Bilder stammen aus dem Tomi Ungerer Estate in Cork (Irland), aus dem Musée Tomi Ungerer – Centre International de L’Illustration in Straßburg und aus Privatbesitz.

Schon als Vierjähriger talentiert

Bereits im Alter von vier Jahren begann der in Straßburg geborene Ungerer zu zeichnen. Mit eindrucksvoller Beobachtungsgabe und zeichnerischem Talent verarbeitete er als Kind und Jugendlicher die Besetzung des Elsass durch die nationalsozialistischen Truppen und die Kämpfe dort bei Kriegsende. Auf seinen Zeichnungen mit Bleistift und später auch mit Farbstiften sind detailgenau Panzer, Flugzeuge, Soldaten und Verwundete zu sehen. Bei einer kolorierten Zeichnung eines Verwandten überspitzt der Zehnjährige das erste Mal eine Figur und zeigt sie in deutlich satirischem Stil.

Tomi Ungerer im Dezember 2011 Foto: Thomas Rohnke / epd

Viele Werke Ungerers aus seiner späten Jugendzeit werden in Harburg das erste Mal gezeigt: Sie stammen aus einer Sammlung von über 1.000 Zeichnungen, die seine Mutter in einem Karton aufgehoben hatte und die er erst vor wenigen Jahren wiederentdeckte. Seine ersten Einflüsse holte sich Ungerer in der Bibliothek seines Vaters in zahlreichen Büchern über Illustratoren wie Wilhelm Busch oder Honoré Daumier. Im amerikanischen Kulturzentrum in Straßburg entdeckte er den Karikaturisten Saul Steinberg, dessen Zeichnungen in einer einzigen Linie ihn zeitlebens inspirierten.

Ihr Vater habe immer zuerst eine Idee gehabt und sich danach erst gefragt, in welcher Form er sie am Besten umsetzen könne, erklärte Aria Ungerer, Tochter des Künstlers und Künstlerische Leiterin des Tomi Ungerer Estate. Er arbeitete Schwarz-Weiß und mit Farbe, zeichnete, malte und erstellte Collagen und ließ sich zeit seines Lebens von anderen Künstlern inspirieren.

Gegen Machtstrukturen aufgelehnt

Thematisch habe er sich immer gegen Machtstrukturen aufgelehnt, sagte Aria Ungerer. Nach seinem Umzug in die USA 1956 entwarf er dort etwa Plakate gegen den amerikanischen Imperialismus und alltäglichen Rassismus. In seinen Zeichnungen unter dem Titel „The Party“ formulierte er scharfe Kritik an der New Yorker High Society. Aber auch Themen wie Tod, Liebe oder Sexualität sind in allen Schaffensphasen in seinem Werk zu finden. 1986 verbrachte er einige Monate in Hamburg und bildete in seinem Buch „Schutzengel der Hölle“ den Arbeitsalltag von Dominas in der Herbertstraße ab.

Sein vielleicht bekanntestes Werk ist das Kinderbuch „Die drei Räuber“ von 1963. Eine Original-Zeichnung dazu ist ebenso in der Ausstellung zu sehen wie eine animierte Verfilmung. Der erste Verlag in den USA, den Ungerer anfragte, hatte das Buch damals nicht verlegen wollen. Die Moral war der Verlegerin zu fragwürdig. (epd)

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