Einsichten – die christliche Kolumne

Richtungswechsel

Über Gottes Haus auf Erden schreibt Helga Ruch. Sie ist Pröpstin in Stralsund.

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“ aus 1. Buch Mose 28, 10ff.

Lebensgeschichten sind spannend. Besonders, wenn wir auf die Suche gehen.

Wo war eigentlich mein Bethel, der Ort, an dem „der Herr war, und ich wusste es nicht“?

Da sitzt eine Gruppe junger Leute am Silvesterabend zusammen. Die Stimmung ist nachdenklich – leicht. Einer fängt an zu erzählen: „Mitten im Sommer, auf Bahnsteig 2, habe ich einen Jungen getroffen. Er saß im Rollstuhl. Wir kamen ins Gespräch, auch über den Rollstuhl. Vor zwei Jahren war er beim Baden verunglückt, seitdem hatte sich sein Leben gründlich verändert. Aber es war ein gutes Leben, so sagte er. Und das hat was gemacht mit mir. Ich weiß jetzt, was ich studieren werde: Soziale Arbeit.“

Ein Mädchen fällt ein: „Die meisten aus unserer Klasse gehen freitags auf die Straße und nicht in die Schule. Ich fand das lange Zeit blöd. Doch neulich bin ich zum ersten Mal mitgegangen. Direkt neben mir, auf dem Bürgersteig, da lief eine Gruppe aus dem Kindergarten. Alle so drei oder vier Jahre alt. Und ich sah sie plötzlich vor mir in zehn Jahren – mit Atemmaske und Schutzanzug. Und das will ich nicht.“

Zwei junge Menschen, die ein Bethel – einen Ort Gottes – erlebt haben, ohne es zu wissen. Und die an diesem Ort einen Richtungswechsel vornahmen.

Wenn wir an diesem Sonntag über die alte schöne Jakobsgeschichte nachdenken, dann kann es passieren, dass wir sehen: Das hat was mit mir zu tun, mit meinem Leben. Damit, was mir wichtig geworden ist und warum.

Mit der Sehnsucht, die ich ebenso wie Jakob im Herzen trage, dass „sich Himmel und Erde berühren mögen“, wenigstens manchmal. Dass Gott auch zu mir sagt: Ich bin an deiner Seite, wohin auch immer du gehst. Und ich werde dich nicht allein lassen.

Der Ort, den Jakob „Bethel“ nannte, das Haus Gottes, ist möglicherweise dort, wo wir ihn nicht vermutet haben. Aber es gibt ihn. Und Himmel und Erde berühren sich. Nicht nur im Traum.

Unsere Autorin
Helga Ruch ist Pröpstin in Stralsund.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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