Pommerscher Bischof Hans-Jürgen Abromeit wird aus dem Amt verabschiedet

Prägend, unbequem, umstritten

Zu konservativ war vielen seine Einstellung zu gesellschaftlichen Fragen von Ehe und Familie, zu politisch seine Haltung im Nahost-Konfikt. Doch unbestritten ist Hans-Jürgen Abromeits Anteil am Entstehen der Nordkirche.

Hans-Jürgen Abromeit beim Gottesdienst zum „Marsch für das Leben"

von Nicole Kiesewetter

Greifswald. Ein Brief war es, der die Weichen für die 2012 gegründete Nordkirche stellte. Die Verhandlungen der damaligen Pommerschen mit der Mecklenburgischen Landeskirche für einen Zusammenschluss steckten bereits geraume Zeit fest, als Hans-Jürgen Abromeit einen Brief an die damalige nordelbische Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter schrieb. Weil es bereits einen Kooperationsvertrag zwischen Nordelbien und Pommern gab, habe sich Abromeit „verpflichtet gefühlt“, sich in dieser verfahrenen Situation an den Partner im Westen zu wenden.

Der Brief sei wohl in der Tat eine Weichenstellung gewesen, sagt er heute mit verhaltenem Stolz und lobt gleichzeitig die „große Weisheit der damaligen nordelbischen Kirche“, sich auf Verhandlungen zu einem Zusammenschluss einzulassen – „auf Augenhöhe“, wie er bis heute betont. Und so wundert es auch nicht, dass der 64-Jährige, der am Sonnabend in einem Festgottesdienst im Greifswalder Dom verabschiedet wird, die Gründung der Nordkirche als „eine Erfolgsgeschichte“ sieht.

„Was das Lebensgefühl angeht, sind wir schon gut zusammen gewachsen“, sagt er. Durch die Fusion der drei ehemaligen Landeskirchen Nordelbien, Mecklenburg und Pommern seien „sehr nachhaltige Strukturen entstanden“, die über viele Jahre tragen würden. Die Mitgliederzahlen im Sprengel Mecklenburg und Pommern „werden gewaltig kleiner werden“, prognostiziert Abromeit. Dies sei jedoch kein Grund, „Untergangsszenarien“ anzudeuten. „Das geht an der Realität vorbei“. Vielmehr lasse sich die Vitalität der Kirchengemeinden nicht an ihrer Mitgliederzahl messen.

Promoviert über Bonhoeffer

Abromeit studierte in Wuppertal und Heidelberg Evangelische Theologie. Nach seinem Vikariat in Heidelberg und Jerusalem war er Pfarrer im westfälischen Gevelsberg und wissenschaftlicher Assistent in Münster. Er promovierte über den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer und wurde 1994 Dozent am Pastoralkolleg der Evangelischen Kirche von Westfalen. Später unterrichtete er auch am Institut für Aus-, Fort- und Weiterbildung in Schwerte-Villigst.

Bonhoeffer, der acht Jahre in Pommern gewirkt hat, sei für ihn nicht nur theologischer Wegweiser gewesen, hat Abromeit immer wieder betont. „Er hat mir einen anderen Zugang zu Pommern eröffnet – ich kannte dieses Land, in das ich 2001 nach meiner Wahl gekommen bin, obwohl ich es vorher nie gesehen hatte.“

Hans-Jürgen Abromeit auf dem Nordkirchenschiff zum Reformationsjubiläum im Juni 2017 Foto: Christian Roedel / epd

Seit der Gründung der Nordkirche hatte Abromeit gemeinsam mit Bischof Andreas von Maltzahn (Schwerin) den Sprengel Mecklenburg und Pommern geleitet. Zu ihrem gemeinsamen Nachfolger mit Sitz in Greifswald ist bereits Tilman Jeremias (Rostock) gewählt. Die Reduzierung der Bischofssitze war bei Gründung der Nordkirche festgelegt worden. Jeremias (53) wird am 31. Oktober im Greifswalder Dom in sein Amt eingeführt. Zum Sprengel Mecklenburg und Pommern gehören zwei Kirchenkreise mit insgesamt knapp 247.000 Christen.

In der Kritik

Während seiner Amtszeit ist der Vater von fünf Kindern auch immer wieder mit Aussagen zu gesellschaftlichen und politischen Themen angeeckt. So sah er in der „Ehe für alle“ die Gefahr der Instrumentalisierung, etwa „um Diskriminierungen abzubauen“. „Die Ehe ist in der Bibel und auch in den lutherischen Bekenntnisschriften der Bund zwischen Mann und Frau mit der Perspektive, Leben weiterzugeben. Dies kann nicht beliebig interpretiert werden“.

Im September 2018 stand Abromeit wegen seiner Teilnahme am „Marsch für das Leben“ in der Kritik, einer Demonstration der Lebensrechtsbewegung. Mit einem Vortrag über Frieden in Israel und Palästina entfachte er zuletzt einen Sturm der Entrüstung. Ihm wurde daraufhin Antisemitismus vorgeworfen. Der Bischof hatte von einer „Überidentifikation mit Israel“ gesprochen und gesagt, die Deutschen würden sich zu sehr mit Israel solidarisieren. Er sei „zutiefst ein Freund Israels“, verteidigte er sich anschließend mehrfach.

Herzensanliegen Israel

Es sei ihm „ein Herzensanliegen, dass in diesem Land, das jetzt seit 70 Jahren und länger von Kriegen geschlagen ist, doch irgendwie einmal eine dauerhafte Lösung gefunden wird“. Er versuche, die Sichtweisen von Israelis und Palästinensern gleichermaßen zu verstehen, denn nur wenn das gelänge, könne es eine Friedenslösung insbesondere für den Gaza-Streifen geben.

Auch im Ruhestand sieht Abromeit seine private Zukunft in Greifswald. Er plane, eine volkstümliche Biografie über den pommerschen Reformator Johannes Bugenhagen zu schreiben und gemeinsam mit seiner Frau wieder häufiger die Familie in Westfalen zu besuchen. Außerdem bleibe er zunächst Vorsitzender des Jerusalemsvereins und im Vorstand der Jerusalem-Stifung: „Mein Nahost-Engagement geht weiter.“

Weil Abromeit bei seiner Verabschiedung noch nicht das offizielle Rentenalter erreicht hat, wird er für einige Monate einen Lehr- und Forschungsauftrag am Greifswalder Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung übernehmen. „Und danach übernehme ich erst einmal ein Jahr lang gar keine Dienste“.

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