Angriffe auf Polizisten

Polizeiseelsorge warnt vor Eskalation

Irgendwann sei die eigene Frustrationsgrenze der Polizisten erreicht, sagt Pastor Uwe Köster, Vorsitzender der evangelischen Polizeiseelsrorger.

von Dieter Sell

Bremen. Nach den neuerlichen Gewaltausbrüchen gegen Polizisten in Stuttgart und Göttingen warnt die Polizeiseelsorge der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vor einer Eskalation. Angriffe und Respektlosigkeit gegenüber Einsatzkräften erschwerten die Arbeit der Beamten und führten dazu, dass polizeiliche Maßnahmen härter würden, sagte der Vorsitzende der Konferenz der Evangelischen Polizeiseelsorge, der Bremer Pastor Uwe Köster (56), im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Wer persönlich angegriffen und beschimpft werde, reagiere beim ersten oder zweiten Mal noch angemessen: „Aber irgendwann ist die eigene Frustrationsgrenze erreicht.“

Attacken auf die Einsatzkräfte wirkten „auf jeden Fall hoch emotional“, sagte Köster. „Das verunsichert oder verhärtet: Wenn mir mit Gewalt begegnet wird, werde ich selber auch eher mit Gewalt reagieren.“ Deshalb sei es wichtig, dass die Einsatzkräfte berufsbegleitend unterstützt würden, um mit solchen Erfahrungen umgehen zu können, etwa durch Gespräche mit Seelsorgern und Psychologen oder durch Supervision. „Insgesamt gibt es das vielleicht noch nicht in ausreichendem Maße.“

Attacken nehmen zu

Zwar zeige eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa, dass ein Anteil von 82 Prozent der Bevölkerung der Polizei vertraute. Gleichzeitig steige aber auch die Zahl der körperlichen und verbalen Attacken gegen die Beamten. Darunter seien Beschimpfungen, Pöbeleien, teilweise sogar Verleumdungen, gerade in sozialen Netzwerken, die zu psychischen und seelischen Schäden führen könnten. „Das sind Kränkungen, die verunsichern.“

Uwe Köster Foto: Dieter Sell / epd

Vielfach gelinge offensichtlich nicht mehr der gedankliche Transfer, dass Polizisten den Auftrag hätten, staatliche Gesetze und Anordnungen durchzusetzen und nicht etwa einem Einzelnen etwas Böses wollten. Und dass Polizisten das Gewaltmonopol hätten, „das können offenbar immer weniger Menschen akzeptieren“, ergänzte Köster.

Es müsse gelingen, dass die Polizei „tatsächlich als originärer Teil der Gesellschaft verstanden wird, die das umsetzt, was vorher gemeinsam demokratisch beschlossen wurde“, mahnte Köster und fügte hinzu: „Wir brauchen die selbstverständliche Überzeugung, dass der Polizist genau wie ich ein Bürger ist – auch wenn er eine andere Funktion wahrnimmt. Ich bin überzeugt: Demjenigen, dem ich so gesehen auf gleicher Ebene begegne, begegne ich auch mit mehr Respekt.“

Woher die Gewalt kommt

Zu den Gründen für die steigende Zahl von Gewaltausbrüchen gegenüber Einsatzkräften sagte Köster, dabei spiele auch die Frage eine Rolle, wie die Gesellschaft insgesamt mit Gewalt umgehe. Er glaube außerdem, dass sich Teile der Gesellschaft „von oben“ fremdbestimmt und von Entscheidungsfindungs-Prozessen ausgegrenzt fühlten: „Diese Staats- und Demokratiemüdigkeit ist relativ verbreitet, das finde ich sehr schade.“ (epd)

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