Tagespflege in Wunstorf bei Hannover

Piep, piep! „Küken-Alarm“ bei den Senioren der Diakonie

Der Kontakt mit Tieren verbessert das Gedächtnis und das Wohlbefinden alter Menschen. Senioren aus der Tagespflege spüren das einmal im Jahr: Dann bringt ein Geflügelzüchter Küken zum Streicheln vorbei.

Hiltrud Eickmann genießt es, die frisch geschlüpften Tiere zu streicheln

von Konstantin Klenke

Wunstorf/Reg. Hannover. Als Olaf Metzner seine Küken aus einem kleinen Pappkarton auf den Tisch im Gruppenraum der diakonischen Tagespflege in Wunstorf setzt, mehren sich rasch die neugierigen Blicke im Raum. Einige Tiere kundschaften gleich dessen gesamte Fläche aus, andere tapsen langsam in einer Gruppe umher. Die Gäste der Einrichtung beäugen das leise piepende Federvieh teils aus nächster Nähe, teils von weiter entfernten Sitzplätzen. Einmal im Jahr bringt der Hobby-Geflügelzüchter einige frisch geschlüpfte Küken in der Einrichtung vorbei. Dann herrscht in der Tagespflege „Kükenalarm“.

Dorothea Liebner gehört dieses Mal zu den ersten Gästen, die ihre Hände zu einer Schale formen und ein Küken darin aufnehmen. Sie bewegt es in ihrer Hand vorsichtig auf und ab und erfühlt so das Gewicht des Tiers und sein flauschiges Federkleid. Hiltrud Eickmann sitzt an der gegenüberliegenden Seite des Tisches und kommentiert zuerst die unterschiedlichen Färbungen und Größen der Tiere. „Ich habe nichts zu picken“, sagt Eickmann lachend, als sich ein Küken plötzlich schnellen Schrittes auf sie zubewegt.

Tiere als Türöffner

„Tiere sind einfach ein Türöffner“, sagt Martina Mensing, die den „Kükenalarm“ seit mehr als fünf Jahren mitorganisiert. Gerade in der Corona-Zeit sorge der Besuch für Abwechslung, sagt die Betreuerin der Tagespflege. Die Tiere seien schutzbedürftig, man wolle sie in die Hand nehmen – und könne leicht eine Beziehung zu ihnen aufbauen: „Küken fragen nicht: Mag der mich?“ Bei vielen alten Menschen wecke die Begegnung mit den Küken auch Erinnerungen an die Kindheit, sagt Mensing. Viele Gäste der Tagespflege seien in Dörfern mit Hühnern aufgewachsen. Auch Demenz-Patienten würden durch den Kontakt mit Küken besser ansprechbar.

 

Viele Beobachtungen der Betreuerin bestätigt der Pflegewissenschaftler Stefan Görres. Der Professor an der Universität Bremen hat unter anderem zu den seelischen und geistigen Effekten des Kleintiereinsatzes in der Pflege geforscht. „Pflegeorganisationen unterschätzen den Stellenwert deutlich, den Begegnungen mit Tieren für alte Menschen haben“, betont Görres. Der Tierbesuch in Pflegeeinrichtungen diene als Eisbrecher und sorge für Gesprächsstoff. Zugleich entlaste er das Pflegepersonal. Der regelmäßige Kontakt mit Tieren habe für Senioren sogar einen „therapeutischen Effekt“: Er beruhige Blutdruck und Puls und verbessere die Hirnleistung sowie die emotionale Stabilität.

Während ein möglichst langer Kükenbesuch wohl für die Gäste der Tagespflege besonders gut wäre, gilt das für die Küken nicht. Nach zwei Stunden steckt Züchter Olaf Metzner sie wieder in den Pappkarton und bringt sie zurück unter eine Wärmelampe. Sie sind vor höchstens vier Tagen geschlüpft. Schon zehn Tage nach dem Schlüpftermin sei ihr Federkleid nicht mehr flauschig genug zum Kuscheln, sagt Metzner. Weil der Züchter aus Neustadt-Poggenhagen seine Küken nur im Frühjahr schlüpfen lässt, müssen die Gäste der Tagespflege sich also wieder ein Jahr gedulden, bis der „Kükenalarm“ zum nächsten Mal piept.

Auf den Händen einer Seniorin fühlt sich dieses Küken sichtlich wohl Foto: Carsten Kalaschnikow / epd

Wie die Tiere als ausgewachsene Hühner aussehen, hat Metzner auf Bildern festgehalten, die er den Gästen mitgebracht hat. Während die Senioren am Tisch mit dem Personal mutmaßen, wie wohl das Tier in ihrer Hand einmal aussehen wird, bekommt Gast Klaus Wäsch davon wenig mit. Er hat etwas abseits des Trubels Platz genommen, trägt aber auch ein Küken in seiner Hand. Eine Weile mustert er dessen Aussehen akribisch. Dann wendet er sich Metzner zu und deutet stolz auf das Küken: „Hat er alles von mir.“ (epd)

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