Ehrenamtliche Obstbaumwarte erhalten alte Apfel- und Birnensorten

Ohne Sachverstand geht es nicht

Im niedersächsischen Amt Neuhaus haben ehrenamtliche Obstbaumwarte alle Hände voll zu tun: Mit Baumschere und Sachverstand sorgen sie dafür, dass die rund 14.000 Apfel- und Birnbäume auf den Alleen und Wiesen reiche Frucht tragen.

Dieter Buchhorn auf einer Apfelbaumwiese bei Neetze, Landkreis Lüneburg.

von Carolin George

Amt Neuhaus, Kr. Lüneburg. „Ich zeige Ihnen jetzt mal mein Hauptwerkzeug“, sagt Dieter Buchhorn. Er greift in seine Fahrradtasche und fischt eine kleine Gartenschere heraus. „Hiermit erledige ich den größten Teil meiner Arbeit.“ Dieter Buchhorn ist ehrenamtlicher Obstbaumwart an der Elbe. Etwa 20 Frauen und Männer pflegen in der niedersächsischen Gemeinde Amt Neuhaus in ihrer Freizeit Obstbäume. Denn davon stehen dort so viele an Alleen und auf Wiesen wie in keiner anderen Region in Niedersachsen: etwa 14.000.

Bundesweit existieren nach Angaben des Naturschutzbundes Nabu insgesamt rund 300.000 Hektar Streuobstbestände mit mehr als 6.000 Obstsorten. In dem einst zur DDR zählenden Teil Niedersachsens östlich der Elbe sind die Alleen mit den fruchttragenden Bäumen teils um die 100 Jahre alt. Anders als in vielen Teilen Westdeutschlands, wo Rodungen von Streuobstbeständen in den 1950er bis 1970er Jahren teilweise öffentlich gefördert wurden, um die Früchte in Monokulturen rentabler anzubauen, blieben viele Alleen in den Elbtalauen verschont.

Mehr als 200 verschiedene Sorten wachsen rund um Neuhaus

170 Apfelsorten vom „Kaiser Wilhelm“ über den „Königlichen Kurzstiel“ bis hin zum „Gelben Richard“ und zum „Roten Brasil“ wachsen in der Gegend rund um Neuhaus. Zudem tragen etwa 40 Birnensorten von der „Guten Luise“ über die „Köstliche von Charneux“ bis zur „Prinzessin Marianne“ zur Vielfalt auf den Obstbaum-Alleen in der Gegend von Amt Neuhaus bei. Die Obstbaumwarte wollen dazu beitragen, dass dieser Schatz erhalten bleibt.

„Auf den richtigen Schnitt kommt es an“

Wird ein Baum nach der Pflanzung nicht regelmäßig geschnitten, fehlt nicht nur die Durchlüftung zwischen den Ästen, sondern es wachsen zu viele zu schwache Äste, die das Gewicht der Früchte kaum tragen können. „Irgendwann macht es ‚Knacks‘, und die Äste brechen unter ihrer eigenen Last zusammen“, erläutert der 61-Jährige. „Wer einen Apfelbaum pflanzt, hat eine Lebensaufgabe.“ Und eine schöne Ernte, fügt er hinzu: „Am Ende habe ich einen einmaligen Saft, den ich an meine Enkel weitergebe.“

Zu seinem Ehrenamt gekommen ist Dieter Buchhorn durch ein Seminar zum Obstbaumschnitt in Konau an der Elbe. Der Verein „Konau 11 Natur“ setzt sich für den Erhalt der Obstbaum-Alleen und Streuobstwiesen im rechtselbischen Teil des Landkreises Lüneburg ein, bildet die Obstbaumwarte aus und bietet regelmäßig Workshops rund um Schnitt und Verwertung an.

Obstbäume sind ein sehr emotionales Thema

„Das Interesse hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen“, sagt Vorstandsmitglied Cornelia Bretz. „Für viele Menschen sind Obstbäume mit Erinnerungen verbunden. Obstbäume sind ein sehr emotionales Thema.“ Besonders hoch sei die Nachfrage, wenn Teilnehmende praktisch tätig sind und einen selbst veredelten Apfelbaum mit nach Hause nehmen können. Aber selbst Randthemen wie die Verwertung von sogenanntem Urobst – also weder gekreuzte noch veredelte Sorten – stoßen laut Bretz auf hohes Interesse.

Das Interesse an ehrenamtlichen Obstbaumwarten ist groß

Auch das Streuobstwiesen-Bündnis Niedersachsen e.V. bemerkt das steigende Interesse an Obstbäumen und Obstwiesen, ob neu angelegt oder wiederentdeckt. 2017 zur Vernetzung zwischen Vereinen, Privatleuten, Imkern und Mostereien gegründet, ist das Bündnis seit 2020 beratend an der Ausbildung zum Obstbaumwart in der Region Hannover für haupt- und ehrenamtlich Aktive beteiligt. Die Seminare umfassen insgesamt rund 35 Tage innerhalb von zwei Jahren. „Das Interesse ist groß“, sagt Sprecherin Elisabeth Schwarz. „Aber auch der Bedarf ist groß. Viele Wiesen werden schlecht oder gar nicht gepflegt“, bedauert sie. „Eine Streuobstwiese ist nicht nur ein Biotop, in dem bis zu 5.000 verschiedene Arten leben können. Sie bedeutet auch viel Arbeit, und das ist vielen nicht bewusst.“ (epd)

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