Ein Porträt der Hamburgerin Franziska Schulz zum Tag der Pflege

Nicht einfach nur ein Job

Es ist keine leichte Arbeit, doch Franziska Schulz ist gern Pflegedienstleiterin in einem Hamburger Heim. "Dafür muss man geboren sein", sagt die 25-Jährige.

Pflegedienstleiterin Franziska Schulz

von Friederike Lübke

Hamburg. Nach der zweiten Operation konnte Gensa Appel nicht mehr allein wohnen. Sie hatte sich bei einem Unfall im Haus den Halswirbel gebrochen. Seit fast drei Jahren lebt die heute 83-Jährige nun im „Hospital zum Heiligen Geist“ in Hamburg-Poppenbüttel. „Ich bin sehr gern hier“, sagt sie. Sie liest viel, nutzt die kulturellen Angebote und setzt sich mit Malerei auseinander. Vieles kann sie noch selbst, aber ihr Bett wird jetzt gemacht, das Zimmer geputzt. Das war anfangs ungewohnt, aber sie hat noch die Weisung ihres Arztes im Ohr und möchte keine weitere Operation riskieren.

Am heutigen Dienstag ist Internationaler Tag der Pflege. Normalerweise ist das ein Anlass, um darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig das Berufsfeld ist. In diesem Jahr ist das kaum nötig. Durch die Corona-Pandemie stehen die Pflegekräfte schon seit Wochen im Fokus der Öffentlichkeit. In vielen Ländern stellen sich die Menschen jeden Tag an ihre Fenster und Türen und klatschen für Pfleger und medizinisches Personal.

Zufälliger Entschluss

Franziska Schulz, 25, hat sich vor acht Jahren eher zufällig für die Pflegeausbildung entschieden. Ihr Großvater schlug ihr das vor. Bevor sie anfing, wusste sie gar nicht, worauf sie sich einließ. Aber im Beruf merkte sie sehr schnell, dass die Entscheidung genau richtig war.

Blick auf das große Gelände des Hospitals zum Heiligen Geist Foto: Hospital zum Heiligen Geist

Heute arbeitet sie als Pflegedienstleiterin wieder da, wo sie auch ihre Ausbildung gemacht hat, im „Hospital zum Heiligen Geist“, in dem auch Gensa Appel wohnt. Die Anlage ist beinahe eine kleine Stadt für sich, Krämerladen inklusive. Für Schulz gehört das zu ihrem besonderen Charakter. Sie genießt es, über das große Gelände zur Arbeit zu gehen.

Schreibtisch? Nein danke!

An ihrem Beruf schätzt sie vieles. „Ich bin kein Mensch, der gern an den Schreibtisch gefesselt wäre“, sagt sie. Natürlich war anfangs vieles ungewohnt, etwa Senioren nach der Toilette zu säubern. Aber etwas nicht tun? Das wäre nicht infrage gekommen. „Ich habe einfach erst mal gemacht, und mit der Zeit ist es mir immer leichter gefallen“, sagt sie. „Für mich war es von Anfang an positiv, Menschen unterstützen zu können.“

Sie versorgt Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, manche können noch fast alles allein und brauchen nur Hilfe beim Rückenwaschen. Andere Bewohner sind bettlägerig und vollständig auf sie angewiesen. Diese ganzheitliche Pflege gefällt Schulz besonders.

Die Senioren geben viel zurück und zeigen oft ihre Dankbarkeit. Nicht immer drücken sie das in Worten aus – selbst wenn das häufig vorkommt. Schulz merkt es zum Beispiel daran, wie sich freuen, wenn sie nach dem Urlaub wieder zur Arbeit kommt.

Pandemie drückt auf die Stimmung

„Man muss mit dem Herzen dabei sein, es ist nicht einfach nur ein Job“, sagt Schulz. Es sei auch eine innere Haltung. Die Handgriffe kann man lernen, aber diese Haltung müsse man mitbringen. „Dafür muss man gemacht sein“, findet sie. Das könnten Männer aber genauso wie Frauen – auch wenn letztere in dem Beruf die Mehrheit bilden.

Der Aspekt, der ihr am wenigsten gefällt, ist die Dokumentation der pflegerischen Aufgaben. Seit sie vor fünf Jahren in ihren Beruf eingestiegen ist, hat sie schon einige Systeme kennengelernt. Von Entbürokratisierung der Pflege ist zwar immer die Rede – „aber noch war sie nicht da“, sagt sie. Etwa 30 bis 60 Minuten verbringt sie pro Tag damit. „Das klingt nicht viel“, sagt sie. Aber es sei Zeit, die sie lieber mit den Bewohnern verbringen würde.

Im Moment wären ein paar Minuten mehr für jeden Bewohner besonders viel wert, denn die Corona-Pandemie drückt auf die Stimmung. Pflege geht nicht auf Abstand, aber wenn die Pflegekräfte Essen austeilen oder sich unterhalten, achten sie darauf. Gerade jetzt würde sie einige Bewohner gern einmal in den Arm nehmen und kann es nicht.

„Halte durch!“

Derzeit trägt Schulz nur einen selbst genähten Mundschutz. Für den Ernstfall liegt aber richtige Schutzkleidung bereit, dazu gehören auch Brille und Kopfbedeckung, Kittel und Schutzmasken. All das muss sie schon anziehen, sobald es einen Verdachtsfall gibt. Sie ist froh, dass das aktuell nicht der Fall ist.

Auch für Gensa Appel hat sich der Alltag verändert. Weder der Spiele- noch der Bibelkreis, die sie sonst regelmäßig besucht, finden statt. Auch die vielen kulturellen Veranstaltungen auf dem Gelände, wie Lesungen und Konzerte, fallen aus. Sie sieht es pragmatisch, andere müssen schließlich auch verzichten. Ob sie in dem Haus, das immerhin nach dem Heiligen Geist heißt, diesen auch manchmal spürt? „Wenn man einen Tiefpunkt hat, glaube ich schon, dass man einen inner­lichen Zuspruch kriegt: Halte durch!“, sagt sie.

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