Neues Buch über evangelikale Sexualmoral in den USA

Zwischen Reinheit und Scham

Junge evangelikale Christen wachsen in den USA mit der Lehre auf, Sex vor der Ehe sei Sünde. Die Warnungen richten sich vor allem an Mädchen – mit Folgen für das Selbstwertgefühl der Betroffenen.

Evangelikale berufen sich mit ihrer strengen Sexualmoral auf die Bibel

Evangelikale berufen sich mit ihrer strengen Sexualmoral auf die Bibel Foto: Javier C. Acosta / Fotolia

von Konrad Ege

Washington. Diskussionen über vertuschten Missbrauch, Vergewaltigungen und das sexuelle Verhalten prominenter Männer beschäftigen derzeit die US-Öffentlichkeit. Dabei wachsen Millionen junger Evangelikale unter dem radikalen Gebot zur sexuellen Enthaltsamkeit vor der Ehe auf. Ein neues Buch der Autorin Linda Kay Klein seziert nun die in evangelikalen US-Kirchen weit verbreitete "Reinheitslehre". Die Haltung, dass vorehelicher Sex sündhaft sei und Frauen züchtig zu sein hätten, erzeuge Gefühle der Scham und verbreite ein negatives Frauenbild, warnt sie.

Die 39-jährige Klein erzählt in "Pure: Inside the Evangelical Movement That Shamed a Generation of Young Women and How I Broke Free" (Rein: In der evangelikalen Bewegung, die eine Generation junger Frauen Schamgefühle aufzwang, und wie ich mich davon befreite) ihre eigene Geschichte: Aufgewachsen in einer evangelikalen Gemeinde im Mittleren Westen, seien Versprechen der Keuschheit ein entscheidender Teil ihrer Glaubensidentität gewesen, schreibt sie. Von ihrem ersten Freund trennte sie sich, nachdem sie ihn geküsst hatte. Könne sie sich überhaupt Christin nennen, wenn sie "am Nachmittag mit ihm rumknutscht", fragte sie sich damals.

"Gefallene Mädchen"

Prediger, Gruppenleiter, Lehrerinnen: Sie alle indoktrinieren Mädchen damit, dass Reinheit ihr wichtigstes Gut sei, das sie bis zur Ehe bewahren müssten. In einer Jugendgruppe, so zitierte Klein eine Freundin, habe eine Leiterin einen Keks herumgereicht, auf den alle spucken oder ihn auf den Boden werfen sollten. Niemand wolle einen solchen Keks essen, betonte die Frau. Genauso ergehe es Mädchen, die unkeusch lebten. Mit solchen Vergleichen wuchs Klein auf. Über Jungfrauen, die wie ein nagelneues Auto seien – und "gefallene Mädchen", die niemand mehr haben wolle.

Es sei ihr erst allmählich klar geworden, dass sie die belastenden Anforderungen ihrer Gemeinde nie erfüllen könne, schreibt Klein. Während ihres Studiums, weg von zu Hause, habe sie die Reinheitsanforderung grundsätzlich in Frage gestellt. Und dann sei auch noch ihr ehemaliger Jugendpastor wegen "Verführung einer Zwölfjährigen" zu neun Monaten Haft verurteilt worden mit der Auflage, künftig nicht mehr mit jungen Menschen zu arbeiten.

Die Doppelmoral der Kirche

Dennoch sei es für sie schwer gewesen, sich von den verinnerlichten Schuldgefühlen loszureißen. Für ihr Buch sprach Klein mit Dutzenden Frauen, die wie sie in evangelikalen Gemeinden groß wurden. Die Frauen empfänden Scham und die Angst, aus der Gemeinschaft ausgegrenzt zu werden. Sie wollten nicht sündigen und täten es aus Sicht ihrer Gemeinde doch. Und sie habe die Doppelmoral ihrer eigenen Kirche erlebt. Sie sei etwa fünfzehn gewesen, schreibt Klein, als ein Pastor zur Erheiterung der Gemeinde gepredigt habe: "Jeder Mann möchte eine Frau, die unter Tags ein Lamm ist und nachts ein Tiger."

Die Organisation "True Love Waits" ("Wahre Liebe Wartet") entstand Anfang der 90er Jahre in der "Southern Baptist Convention", der größten protestantischen Kirche der USA. 1993 unterschrieb die erste Jugendgruppe die dort geforderte Selbstverpflichtung, vor der Ehe keinen Sex zu haben. Bis 1994 folgten dem Aufruf 100.000 junge Menschen, bis 2012 nach Organisationsangaben fast drei Millionen. Die Botschaft: Junge Menschen sollen sich der "verzerrten gesellschaftlichen Botschaft über Reinheit und Liebe" wiedersetzten, heißt es in einem Werbevideo. Auch in Deutschland gibt es einen Ableger der Keuschheitsbewegung mit rund 10.000 jungen Mitgliedern.

Bibel wird ausgenutzt

Das Programm "Silver Ring Thing" veranstaltet landesweit Musikprogramme, um die Botschaft der Keuschheit vor der Ehe zu verbreiten. Wer sich anschließt, darf einen silbernen Ring tragen. Nach eigenen Angaben folgen dem Aufruf rund 700.000 junge Frauen und Männer. Online kostet der Ring 20 Dollar.

Historikerin Sara Moslener von der Central Michigan University in Mount Pleasant in Michigan forscht zum Thema Kirche und Sexualmoral. Die Bedeutung des Reinheitsideals in evangelikalen US-Kirchen sei sehr groß, sagte Moslener dem Evangelischen Pressedienst (epd). Für viele Evangelikale sei Enthaltsamkeit vor der Ehe der "Grenzstein" zum Rest der Gesellschaft. Doch viele der Frauen, die als junge Christen Keuschheit gelobt hätten, seien inzwischen erwachsen und distanzierten sich von Reinheitsvorschriften. 

Auch in evangelikalen Kirchen stellen Frauen heute das traditionelle Rollenbild in Frage. Die Bibel werde benutzt, um männlich dominierte Machtstrukturen zu rechtfertigen, heißt es. Die konservative "Southern Baptist Convention" hat bei seiner Generalversammlung im Juni intensiv über die Stärkung von Frauen in der männlich "regierten" Kirche diskutiert. (epd)

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