Poetry Slam in der Hamburger St. Pauli-Kirche

Wo Studenten die Stimme erheben

Ein Semester lang haben sich 40 Studenten der Uni Hamburg mit Rechtsextremismus und Rassismus auseinandergesetzt. Das Ergebnis dieser Arbeit präsentieren sie auf der Bühne der St.-Pauli-Kirche – bei einem Poetry Slam.

Dozentin Cornelia Springer (l.) bereitet mit den Studenten Laila Walter und Matthias Kriegel den Poetry Slam vor

Dozentin Cornelia Springer (l.) bereitet mit den Studenten Laila Walter und Matthias Kriegel den Poetry Slam vor Foto: Friederike Lübke

von Friederike Lübke

Hamburg. Nicht für die Wissenschaft oder fürs Bücherregal, sondern für die Bühne und das Publikum sind die Texte, die einige Studenten in Hamburg gerade schreiben. „Slammen gegen Rechtsextremismus und Rassismus“ heißt das Seminar, das Dozentin Cornelia Springer in diesem Wintersemester an der Uni Hamburg anbietet. Dafür haben Studenten eigene Texte gegen Rechtsextremismus und für Rassismus-Prävention geschrieben. Am Freitag, 18. Januar, tragen sie diese Texte in der St.-Pauli-Kirche vor. 

Das Projektseminar war für Studenten aller Fachrichtungen der Universität Hamburg offen, deshalb ist eine bunt gemischte Gruppe entstanden. Unter den 38 Teilnehmern sind Anfänger und Fortgeschrittene sowie Studenten aus so unterschiedlichen Studiengängen wie Computer-Mensch-Interaktion, Physik, Theologie und Gebärdensprache.

Viel Zeit investiert

Zwei von ihnen sitzen in Springers Büro im Hauptgebäude der Uni und erzählen, wie ihnen das Seminar gefallen hat. Matthias Kriegel (29) studiert im Master Deutschsprachige Literaturen, Laila Walter (32) Religionen, Dialog und Bildung. Beide Studenten stehen kurz vor ihrem Abschluss und sind sich einig, dass ein Projekt wie der Slam etwas Besonderes ist. Zum ersten Mal können sie während ihres Studiums selbst kreativ werden, lernten Methoden, um sich selbst auszudrücken, und „stehen zusammen für etwas ein“, wie Laila Walter sagt. „Wir kommen mit dem gleichen Ziel zusammen: die Stimme gegen rechts zu erheben“, sagt Kriegel.

Dafür haben die Studenten und ihre Dozentin viel Zeit investiert, sogar ganztägige Seminare an Wochenenden. Sie konnten Workshops zu Themen wie Antisemitismus, Rassismus und kritischem Denken belegen, außerdem Schreib- und Kreativitätsübungen, hatten Stimmtraining und lernten Atemübungen. 

Poetry Slam ist eine persönliche Ausdrucksform. Die Slammer sprechen über Themen, mit denen sie sich auskennen, über ihre Erfahrungen, Gedanken und Gefühle. „Man öffnet sich vor einem großen Publikum, das macht es so spannend“, sagt Kriegel. Es bedeutet aber auch viel Arbeit und ist herausfordernder, als einen wissenschaftlichen Text zu schreiben. Die Diskussionen seien manchmal sehr emotional gewesen, berichtet Springer. Statt eindeutiger Antworten hätten sich immer mehr Fragen aufgetan. Gerade das habe es wertvoll gemacht, denn: „Diese Art von Reflexion hat normalerweise im Studium keinen Platz“, sagt sie. 

Schwieriger Zugang

Die Mehrheit der Studenten im Projektseminar ist weiß und kommt aus Deutschland. Die größte Herausforderung war es deshalb für Springer, mit der Gruppe einen Zugang zum Thema zu finden. „Es ist eine ganz wichtige Regel beim Poetry Slam, dass man nur seine eigene Perspektive vertritt“, sagt Springer. Eine weiße Person könne also nicht darüber sprechen, wie sich Ausgrenzung für eine nicht-weiße Person anfühlt. 

Kriegel hat schon Erfahrungen im Slammen, Walter nicht. Trotzdem war es auch für Kriegel neu, sich beim Poetry Slam mit einem so ernsten Thema wie Rassismus zu befassen. Er erinnerte sich an Situationen, in denen Freunde mit Migrationshintergrund anders behandelt wurden. Auch Walter musste feststellen, dass Rassismus „weder schläft noch weg ist“. 

Die Texte für die Abschlussveranstaltung decken nun viele Bereiche ab. Die Zuhörer erwartet eine „Gute-Nacht-Geschichte für einen kleinen Nazi“, ebenso wie Fabeln, die das schwierige Thema locker angehen. Was der Abend bewirken soll, davon haben die Studenten auch schon eine Vorstellung. Walter fände es gut, wenn die Zuhörer „neue Gedanken entwickeln und sich bewusst werden, dass es Rassismus immer noch überall in der Gesellschaft gibt“. Wenn sie daran denken, dass sie ihre persönlichen Texte in der Kirche vortragen werden, sind sie schon jetzt aufgeregt. Kriegel sagt: „Aber auf gute Weise.“ 

Info
Der Poetry Slam findet am Freitag, 18. Januar, Pinnasberg 80, von 18.30 bis 23 Uhr in der St.-Pauli-Kirche statt. Der Eintritt ist frei.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Hamburg

Der bisherige Vorsitzende Karl-Peter Faesecke gibt sein Amt aus gesundheitlichen Gründen auf. Seine Nachfolgerin kennt sich mit der "Flusi" bereits...

Hannover

Das kleine Heim soll für den Bewohner der erste Schritt aus der Obdachosigkeit sein. Es hat Bett und Dusche.

Mecklenburg-Vorpommern

Auf der zentralen Gedenkfeier sprechen zwei Wissenschaftler über die Verfolgung.