Vor 30 Jahren fiel das Todesurteil gegen Salman Rushdie

Wie aus den "satanischen Versen" ein Lebensthema wurde

Manche Bücher sagen jedem etwas, auch wenn sie nicht jeder gelesen hat. "Die satanischen Verse" sind so ein Fall. Vor 30 Jahren veränderte dieser Roman das Leben von Autor Salman Rushdie.

Salman Rushdie im Oktober 2015 auf der Frankfurter Buchmesse

Salman Rushdie im Oktober 2015 auf der Frankfurter Buchmesse Foto: Hanno Gutmann / epd

von Paula Konersmann

Bonn. Unlösbar sind Person und Werk von Salman Rushdie mit einem Datum verknüpft: dem 14. Februar 1989. An diesem Tag verurteilte das iranische Staatsoberhaupt Ayatollah Khomeini den Schriftsteller mit einer Fatwa zum Tode. Begründet wurde der islamische Richtspruch damit, dass Rushdies Buch "Die satanischen Verse" "gegen den Islam, den Propheten und den Koran" gerichtet sei.

In dem Roman, der im September 1988 erschienen war, überleben zwei indische Schauspieler einen Anschlag auf ein Flugzeug: Einer entwickelt daraufhin Ähnlichkeit mit dem Erzengel Gabriel, der andere mit dem Teufel. Stein des Anstoßes ist eine Passage über die "satanischen" Verse, die Mohammed nach islamischer Überlieferung von Satan eingegeben und später verworfen wurden. Rushdies Darstellung lässt die Lesart zu, dass nicht nur diese Verse, sondern der gesamte Koran von Satan stamme. Die politische Reaktion darauf veränderte nicht nur das Leben des Schriftstellers, sondern wurde auch zu einem Referenzpunkt der Konflikte um Meinungs- und Pressefreiheit.

Im Versteck unter Polizeischutz

Wenige Tage nach Erscheinen durfte das Buch nicht mehr nach Indien ausgeliefert werden, wenig später kam es in Großbritannien zu Protesten und sogar einer symbolischen Verbrennung des Buchs. Rushdie, 1947 als Sohn muslimischer Eltern in Bombay geboren, wies den Vorwurf der Gotteslästerung sofort zurück. Dennoch lebte er über viele Jahre unter Polizeischutz in verschiedenen Verstecken. Erst seit einiger Zeit tritt er wieder öffentlich auf.

In den vergangenen Jahren fanden weitere Konflikte dieser Art weltweite Aufmerksamkeit. Die Ermordung des niederländischen Regisseurs Theo van Gogh 2004; der Streit um die Mohammed-Karikaturen, die 2005 in einer dänischen Zeitung erschienen; 2015 der Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" – drastische Stationen einer Auseinandersetzung, die manche als Zusammenprall zweiter Kulturen betrachten.

Dabei ist Rushdie in erster Linie kein politischer Autor. Viele seiner Bücher sind eher im Stil des magischen Realismus verfasst. Eine Ausnahme bildet sein neuester Roman "Golden House" (2017). Es sei nicht die Zeit, um "Geschichten zu schreiben, in denen es von fliegenden Teppichen wimmelt", erklärte er dazu in einem Interview der "Welt am Sonntag". Er wolle vielmehr "die reale Welt" beschreiben. So enthält "Golden House" deutliche Anspielungen auf US-Präsident Donald Trump.

Vier Millionen Dollar Kopfgeld

Die Wahrnehmung Rushdies bleibt indes verbunden mit dem von Khomeini ausgesprochenen Todesurteil. Religiöse Autoritäten und Vertreter der ägyptischen al-Azhar-Moschee verurteilten die Fatwa als illegal: Die Scharia gestatte es nicht, einen Menschen ohne ein Gerichtsverfahren zum Tode zu verurteilen, argumentierten sie. Im März 1989 widersprachen alle Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz der Fatwa – mit Ausnahme des Iran. Dessen ungeachtet werden die Drohungen bis heute von Khomeinis Nachfolger, Ayatollah Chamenei, sowie der Iranischen Revolutionsgarde vertreten. Das Kopfgeld für Rushdies Tod liegt inzwischen bei fast vier Millionen US-Dollar.

Der Autor lässt sich dadurch nicht beirren. Meinungsfreiheit sei ein Menschenrecht, betonte Rushdie bei einem Besuch auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2015. Der Iran boykottierte damals die größte Bücherschau der Welt – wegen Rushdies Auftritt.

"Wie eine Seuche"

Als Muslim betrachtet sich der Schriftsteller nach eigenen Worten nicht. Religionen seien für ihn "wie eine Seuche", sagte er einmal in einem Interview. Nach dem Attentat auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" warnte er, religiöser Totalitarismus habe "zu einer tödlichen Mutation im Herzen des Islam geführt".

Als junger Mensch erlebte der Autor die Schrecken der IRA-Bombenanschläge in Großbritannien. Seiner Einschätzung nach gibt es im Umgang mit dem Terror auch heute nur eine Lösung: "Weiterzumachen damit, sein Leben zu erleben. Dem Terror nicht erlauben, die Welt zu verändern, in der wir leben." (KNA)

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Hamburg

Die anhaltende Diskriminierung haben Sinti und Roma bei einer Kranzniederlegung kritisiert. Auch der Pastor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme sprach.

Hannover

Sich einfach mal Zeit wünschen – das geht auf einer neuen Online-Plattform.

Mecklenburg-Vorpommern

Menschen aus mehreren Religionen sollen bei der Veranstaltung zu Wort kommen. Sie findet zur "Woche gegen Rassismus" statt.