Erschöpfte Pastoren

Wenn andere Pause machen

Pastoren haben ungewöhnliche Arbeitszeiten und müssen oft für andere da sein. Guido Depenbrock kümmert sich im "Haus inspiratio" in Barsinghausen um erschöpfte Geistliche. Ein Interview über Pausen, Stress und freie Montage.

Sonntag ist für Pastoren Arbeitstag

Sonntag ist für Pastoren Arbeitstag Foto: Fotofuchs / Fotolia

Einfach mal Pause machen – warum ist das so schwer?
Guido Depenbrock: Wir haben verlernt, Pause zu machen. Bei körperlichen Anstrengungen passiert das automatisch: Wenn ich nicht mehr kann, mache ich Pause. Wenn ich aus der Puste bin, mache ich langsam. Bei psychischer Erschöpfung  haben wir uns das im Arbeitsalltag abtrainiert. Es ist aber wichtig, dass wir unsere Körpersignale wahrnehmen.

Es ist manchmal schwer, innezuhalten. Wie schaffe ich es, das trotzdem zu tun?
Richtig. Das muss man üben. Kurz in sich reinspüren: Wie geht es mir eigentlich? Das kann zwischen zwei Terminen sein oder im Fahrstuhl, kurze Momente, in denen ich meine Aufmerksamkeit bewusst auf mich selbst richte. Um mit flexiblen Arbeitszeiten gut zurechtzukommen, brauchen wir die Kompetenz zur Selbstfürsorge. 

Wie im Pfarramt, da gibt es keine festen Arbeitszeiten.
Hier war es schon immer so, dass es keine festen Zeiten für Arbeit und Erholung gibt. Doch das Verständnis der Mitmenschen ist oftmals nicht mehr da, wenn andere Pause machen – das  kann zu Konflikten führen. Denn Pastoren arbeiten ja meistens, wenn andere Freizeit haben: am Wochenende, an Feiertagen oder abends zum Beispiel. Das heißt aber auch, dass sie Pause machen, wenn alle anderen arbeiten. Der Pastor geht dann vielleicht montagvormittags ins Schwimmbad. Und manche fragen sich: Wie kann er da im Wasser liegen: wir müssen doch alle arbeiten?

Die Abgrenzung wird also zum Problem. Im „Haus Inspiratio“ kann man genau die Abgrenzung üben, nicht wahr?
Ja, das beginnt schon damit, dass man sich entscheiden muss, zu uns zu kommen. Ich nehme mir diese sechs Wochen frei von beruflichen und privaten Verpflichtungen. Das ist eine Pause, zu der ich mich durchringen muss.Und dann haben wir eine Tagesstruktur, die den Wechsel von Arbeitszeit und Freizeit vorgibt – das ist wie ein festes Geländer. Die feste Tagesstruktur hilft dabei, sich auch nach der Inspiratio-Auszeit wieder die Freiräume zu nehmen, die man braucht, um gesund, zufrieden und kreativ zu bleiben. Pause machen, das ist ein Nehmen.

Zu Ihnen kommen die Hauptamtlichen der Kirche. Dabei könnte man doch meinen, dass es hier allen gut geht, bei all den Angeboten, die es in den Kirchengemeinden gibt. Wir haben meditative Klänge, wohltuende Kirchenräume, glauben an einen Gott, der uns trägt…
Im Inspiratio wird der Akzent neu gesetzt, damit die Leute das Gefühl haben: Hier geht es um mich. Im Pfarramt ist das häufig andersrum, da haben Pfarrer ständig das Gefühl, sie sind für andere zuständig. Das ist vergleichbar mit einem Gastwirt, der ein volles Haus hat und sagt: Ich möchte, dass es allen gut geht, aber selbst nicht zum Essen kommt. Das ist verständlich. Unser Auftrag ist es doch, für andere da zu sein. Aber wenn ich nicht gut für mich selbst sorge, kann ich auf Dauer auch nicht gut für andere Menschen da sein.

Menschen, die in der Kirche aktiv sind, geben zu viel und nehmen zu wenig?
Ja, das wird eigentlich auch erwartet von kirchlichen Mitarbeitern. Dass sie freundlich sind, ein offenes Ohr haben, dass sie Zeit haben. Aber wenn das Gutsein zu sich selbst verloren geht, dann gerät etwas aus dem Gleichgewicht. Dadurch entsteht manchmal eine Bitterkeit. Ich habe so viel gegeben, so viel getan – wer kümmert sich eigentlich um mich?

Welche Bedeutung hat das nun für die Kirche?
Sie kann Rahmenbedingungen schaffen und eine Atmosphäre, die es ihren Mitarbeitern ermöglicht, gut für sich selbst zu sorgen, für Pausen und Erholung zum Beispiel. Aber die Eigenverantwortung, das dann auch zu tun, kann uns keine Institution abnehmen. Es geht darum, die Möglichkeiten der Kirche auch zu ergreifen: Inspiratio oder Sabbatzeiten zum Beispiel. Viele sagen: Ich kann nicht weg. Aber das stimmt nicht: Ich kann weg. Wenn ich will, gibt es Freiräume, die ich nutzen kann.

Brauche ich ständige Selbstreflexion für mein inneres Gleichgewicht?
Nicht ständig, aber immer wieder. Die Antworten darauf, was mir gut tut, die ich mit 30 Jahren habe, müssen nicht mehr stimmen, wenn ich 55 bin. Man muss sich aber auch dem Leben stellen. Es ist nicht gut, in eine Schonhaltung zu gehen: Nun darf ich mich nicht mehr aufregen, muss jeden Stress vermeiden. Stress können wir gut vertragen, wenn das Gleichgewicht stimmt. 

Das Interview führte Catharina Volkert.

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