Flüchtling Merhawi Fsehaye aus Eritrea hat ein Buch geschrieben

Sein Weg in die Freiheit

Es war eine mühevolle Arbeit: Neun Monate lang hat Merhawi Fsehaye aus Eritrea an seinem Buch gearbeitet. Jetzt liegt die Autobiografie vor.

Merhawi Fsehaye aus Eritrea mit dem Buch über seine Flucht

Merhawi Fsehaye aus Eritrea mit dem Buch über seine Flucht Foto: Manuel Opitz

von Manuel Opitz

Hamburg. Merhawi Fsehaye hält sein Leben in den Händen. Sprichwörtlich. Zwischen dem Buchdeckel liegt es da, auf 174 Seiten. „Das ist meine Geschichte“, sagt der 19-Jährige und legt das Buch beiseite. Sein Buch, seine Vergangenheit. Fsehaye ist 2015, als 15-Jähriger, aus seiner Heimat Eritrea am Horn Afrikas nach Deutschland geflüchtet. Sieben Monate dauerte seine Odyssee. Sie beschreibt er in seiner Autobiografie „Mein Weg in die Freiheit“. 

Fsehaye, groß und drahtig, Typ Fünf-Tage-Bart und Mini-Dreadlocks ist entspannt. Es ist eines seiner ersten Interviews. „Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie es ist, jetzt dieses Buch zu sehen“, sagt er und schaut auf das Cover, auf dem er sich selbst sieht. „Ich hatte keine Ahnung, wie man ein Buch schreibt.“ Alles habe damit angefangen, dass seine Klassenlehrerin in der Schule dünne Hefte verteilte, in denen die jugendlichen Migranten über ihr Leben in Deutschland berichten sollten. „Da bekam ich die Idee, ein Buch zu schreiben“, erzählt der 19-Jährige. 

Die Flucht noch einmal erlebt

Aus dem Einfall wurde schneller Wirklichkeit, als ihm lieb war: Seine Lehrerin meldete ihn im Juni 2017 kurzerhand für eine Lesung in der K-OZ Galerie auf St. Pauli an. Fsehaye blieb nun gar nichts anderes übrig, als zu schreiben. „Aber es hat nicht funktioniert, ich hatte zu viele Gedanken in meinem Kopf.“ 

Deshalb wandte er sich an Ulla Grün, die sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagiert und Vormund für seinen Mitbewohner in der Jugendwohnung war. Sie hörte ihm zu und schrieb seine Gedanken auf. So entstand der Anfang des Buches, den Fsehaye auf der Lesung präsentierte. „Die Leute waren total interessiert“, erinnert er sich. „Danach wussten Ulla und ich, dass wir weitermachen.“

Jeden Dienstag um 18 Uhr stand Fsehaye bei ihr vor der Tür, machte es sich im Wohnzimmer auf „seinem“ Schaukelstuhl, bequem, während Grün am Schreibtisch saß und notierte, was er berichtete. Neun Monate lang ging das so. „Während des Schreibens war ich richtig drin in der Flucht“, sagt Fsehaye. Dann befindet er sich wieder im Sudan, wo er zuerst in ein Flüchtlingscamp kommt, in Libyen, wo er im Gefängnis sitzt, oder auf dem Mittelmeer in einem blauen Holzboot, in dem er auf dem Oberdeck hockt und hofft, dass es nicht untergeht. 

Heimlich aufgebrochen

„Das zu schreiben, hat mir wehgetan“, erzählt er. „Auf der Flucht sind viele schlimme Dinge passiert, die ich niemals vergessen werde.“ Aber er wolle seine Vergangenheit nicht verdrängen. „Jetzt fühle ich mich befreit“, sagt der junge Mann. „Das Buch ist das Perfekteste, was mir passieren konnte.“

Vor vier Jahren sei er in Eritrea aufgebrochen, als er  mit 15 Jahren zum Militärdienst eingezogen werden sollte. Heimlich, ohne seinen Eltern Bescheid zu sagen, zog er eines Tages mit einem Kumpel los. „Natürlich hatte ich mehrere Monate darüber nachgedacht. Aber ich sah keinen Ausweg“, sagt er. 

Mit einer Flasche Wasser, einem Jagdmesser und ihrem Taschengeld seien sie erst in den Sudan geflüchtet. Dann ging es mit Schleppern, auf einem Lastwagen unter einer Ladung Steinen versteckt, nach Libyen. „Du fühlst dich wie eine Ware, wie ein Karton“, beschreibt der junge Mann. Als Soldaten die Flüchtlinge festsetzten und in ein Gefängnis steckten, wusste er nicht, ob er jemals wieder auf freien Fuß kommen würde. „Entweder du überlebt oder du stirbst“, sagt er. So lapidar, als wenn das zum Alltag von Jugendlichen dazugehört. 

Hoffnung auf Ausbildung

Noch bevor die Geschichte fertig aufgeschrieben ist, lernt Grün über die Flüchtlingshilfe die Gründerin des „smm Leichte Sprache Verlags“ kennen. So ist das Werk nun auf dem Markt, und Fsehaye durch und durch in Deutschland angekommen. 

Im Moment macht Merhawi ein Praktikum in einem Hotel und hofft dort auf einen Ausbildungsplatz zum Hotelfachmann. „In Hamburg ist es einfach nur perfekt“, sagt er. Wenn Fsehaye über sein neues Leben spricht, von seinem Lieblingsplatz in der Stadt, Planten un Bloomen, von seiner Leibspeise, Kartoffelsalat mit Mayonnaise, von seinem Kumpel aus dem Hotel, einem „richtigen smarten Deutschen“. Dann überschlägt sich seine Stimme fast, dann gestikuliert er mit seinen Händen. Dann wirkt er wieder wie ein Jugendlicher. Wie ein 19-Jähriger mit Zukunft.

Info
Das Buch kann über die Evangelische Bücherstube bestellt werden.
Die Evangelische Bücherstube gehört zur Evangelischen Zeitung.

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