Umgang mit Demenz

Gemeinsames Singen kann vieles verändern

Ein Lächeln hier, Tanzbewegungen dort - durch Musik und gemeinsames Singen mit Dementen wird im Alltag vieles einfacher.

Lieder können Demente aktivieren und aggressive Patienten beruhigen.

Lieder können Demente aktivieren und aggressive Patienten beruhigen. (Archivbild) Foto: epd-bild/Daniel Peter

Von Insa van den Berg

Hannover. Max Liedtke kennt die Patienten und ihre individuellen Geschichten - an die sie selbst sich kaum erinnern. Mehrfach wöchentlich besucht der emeritierte Pädagogikprofessor Schwerstdemente in Pflegeeinrichtungen: Patienten, die eingesunken im Rollstuhl verharren oder verstört um sich schlagen. Liedtke beobachtet: Wenn sie gemeinsam singen, verändert sich etwas. Ein Lächeln hier, Tanzbewegungen dort. Durch seine inzwischen gestorbene, zuvor demente Frau weiß Liedtke: "Gespräche wurden schwieriger. Ich habe bemerkt, dass gemeinsames Tun unsere Kommunikation erleichterte." Gemeinsam zu musizieren, war eine spontane Idee.

Singen stoppt das Fortschreiten der Erkrankung

Lieder aus der Kindheit sind im Handlungsgedächtnis abgespeichert. Das greift die Demenz erst sehr spät an, erklärt Eckart Altenmüller. Der Neurologe ist Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Durch das Singen können Verbindungen im Gehirn in gewissem Maß wiederbelebt werden, zeigen Untersuchungen. "Und man kann das Fortschreiten der Demenz damit aufhalten", sagt Altenmüller.

Gesang regt das Gehirn an

Die Opernsängerin Maartje de Lint bietet sogenannte "Base"-Trainings an. "Base" steht für "Brain Awakening Singing Education". Sinngemäß übersetzt heißt das: gehirnanregende Gesangsstunden. Dazu besucht die 50-Jährige Pflegeheime in den Niederlanden und seit kurzem auch in Deutschland. Sie bildet einen Stuhlkreis und singt gemeinsam mit den Bewohnern. Es gehe nicht darum, den richtigen Ton zu treffen oder die passenden Wörter zu wählen: Die Melodie oder ein 'Lalala' reichen. Ein Pianist begleitet den Chor. "Ich gehe nah an die Menschen heran, berühre auch mal eine Hand. Demente verlieren das Rationale. Das Fühlen bleibt aber gesund", sagt Maartje de Lint.

An einem solchen Training nehmen zwölf Demenz-Betroffene teil, deren Angehörige sowie sechs Pflegende. Für die Betreuer ist es als Fortbildung gedacht; das Heim als Veranstalter zahlt pro Workshop etwa 600 Euro. "Ich zeige, wie man den Alltag durch das Singen erleichtern kann. Wenn man jemanden duschen muss, und der will nicht, dann kann ein Schlager wie 'Singin' in the rain' hilfreich sein." Oder ein Kinderlied wie "Zeigt her eure Füße". Die Pflegenden seien von dem Einfluss der Musik oft total überrascht, sagt die Sängerin. "Wenn etwa ein schreiender Patient durch ein Lied beruhigt wird."

Heilsam für jede Art von Krankheit

Damit habe das gemeinsame Singen nicht nur positive Auswirkungen auf die Dementen, sondern auch auf das Pflegepersonal und die Angehörigen. Denn auch bei ihnen rufe die Musik gute Gefühle hervor.  Für die Gesangspädagogin Vera Kimming vom Verein "Singende Krankenhäuser" ist das Singen "heilsam für jede Art von Krankheitsbild". Es kann aktivieren, beruhigen, das Selbstwertgefühl fördern. "Vielen ist gar nicht bewusst, wie bedeutsam die Musik ist."

Der Verein bietet ebenfalls Fortbildungen zum Singleiter für Pflegende an. Pro Modul und Teilnehmer kostet der Kurs 265 Euro. Inzwischen wurden durch den Verein "Singende Krankenhäuser" über 60 Kliniken in Deutschland, Österreich und der Schweiz zertifiziert. "Durch unseren fachlichen Hintergrund verbinden wir das Singen zum Beispiel mit körperlicher Bewegung. Damit erreichen wir eine andere Qualität als durch das bloße Absingen von Liedern." Besser als nur Musik zu hören, sei das aktive Tun, bestätigt der Neurologe Eckart Altenmüller. "Idealerweise fördert man zusätzlich die Mobilität der Patienten, durch Klatschen oder Tanzen."

So viel Gutes sein Ehrenamt bewirkt - mit der Freiwilligkeit hadert Max Liedtke gelegentlich. "Ich frage mich, ob man damit den Druck auf die Politiker verringert. Es scheint schließlich so, als könne man durch Freiwillige die Probleme in der Pflege lösen." Dennoch sei er bereit, durch eigenes Handeln etwas zu ändern. Und besucht weiter Demenzkranke, um mit ihnen zu singen. (epd)

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