Nahrung für die Hoffnung

Über Dürren, das letzte Brot und einen Trick schreibt Henning Kiene. Er ist Pastor in Ahlbeck und Zirchow auf Usedom.

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: „Der Mehlkrug wurde nicht leer und die Ölkanne versiegte nicht. So hatte es der Herr durch Elija gesagt.“ Aus 1. Könige 17, 1-16

„Wir haben uns Kochrezepte erzählt“, sagte mein Großvater, wenn er über den Hunger im Winter 1947 sprach. „Und das hat gewirkt?“, fragte ich. „Es gab ja nichts anderes“, sagte er. Zum Beweis erzählte er mir das Rezept für Rinderroulade mit Kartoffeln und Rotkohl. Er zählte alle Gewürze auf, vergaß das Blatt Lorbeer nicht. Großvater sprach so lebhaft von den Düften, die durch die Küche ziehen würden, dass wir das Festessen quasi rochen. Der Tisch vor uns aber blieb leer. „So haben wir das gemacht“, sagte er, „geholfen hat das. Aber nur kurz.“ Ich war noch Kind, war bereit, ihm das zu glauben. Ich war dankbar, dass er nicht von all der Not sprach.

Wenn sich der Ackerboden unter der Last der Dürre spaltet und das Mehl für das letzte Brot zusammengekehrt ist, dann erwacht eine alte Sehnsucht. Die streckt sich aus nach einem Wort, das das Leben erhält. Was meinem Großvater das Kochrezept war, meint im tieferen Sinn das Wort Gottes. Es geht um ein Wort der Schöpfung: „Denn so spricht der Herr, der Gott Israels: Der Mehlkrug wird nicht leer werden, und die Ölkanne wird nicht versiegen.“ Der Profet Elia riskiert dieses Wort, sagt es frei heraus und Gott erfüllt es. So breitet sich in der Weltgeschichte das Aroma der Rettung aus. Das Erzählen von Elia, diesem Topf und dem Ölkrug wirkt. Es hält eine Erinnerung wach: Kein Mensch soll am Hunger sterben. Keine Witwe, kein Kind, ungläubige Menschen nicht und Fromme auch nicht. So einfach ist das. So schlicht, wie der Satz: „Man lässt Menschen nicht ertrinken.“

Das mit den Kochrezepten meines Grußvaters war ein Trick. Das Erzählen überlistete den Hunger, und der Duft der Speisen linderte die Not. Das wirkte nur vorübergehend. Das Wort des Propheten kommt ohne solche Tricks aus. Es gibt der Hoffnung feste Nahrung. Die rechnet mit dem Wort Gottes und einem Topf voller Mehl im Schrank und mit einem Ölkrug, der nicht leer wird.

Unser Autor
Henning Kiene ist Pastor in Ahlbeck und Zirchow auf Usedom.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Dienstag.

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