Gedenken nach Amokfahrt in Münster

"Wir müssen nicht sofort Antworten finden"

Die Amokfahrt in Münster hat bundesweit Entsetzen und Anteilnahme ausgelöst. In einem bewegenden Gottesdienst im Dom kamen mehr als 1.500 Menschen zum Gedenken an die Opfer zusammen.

"Warum?" fragten die Menschen am Ort der Amokfahrt in Münster

"Warum?" fragten die Menschen am Ort der Amokfahrt in Münster Foto: Angelika Osthues / epd

von Frank Biermann

Münster. Der Münsteraner Dom ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Dicht gedrängt stehen die Menschen in den Gängen. Schätzungen des Bistums zufolge sind mehr als 1.500 Besucher in den ökumenischen Gottesdienst geströmt. Unter ihnen sind viele Feuerwehrleute und Rettungskräfte. Nach der Amokfahrt in eine Menschenmenge in der Altstadt Münsters riefen der Münsteraner Bischof Felix Genn und der Superintendent des Kirchenkreises, Ulf Schlien, zum Gebet für die Opfer auf. Zugleich sprachen sie den Verletzten und den Angehörigen ihre Anteilnahme aus. Die Amokfahrt löste bundesweit Entsetzen sowie eine große Solidarität aus. 

Der Münsteraner Bischof erklärte, er habe Schreie der Hilflosigkeit und der Trauer gehört sowie die Frage nach dem "Warum". "Es tut uns schon gut, mit anderen über diese Frage zu reden. Wir müssen nicht sofort Antworten finden", sagte Genn. 

Aufruf zum Gebet

Der Münsteraner Superintendent Schlien erklärte, das Schild an dem Unglücksort, auf dem handgeschrieben das Wort "Warum" stehe, gehe ihm nahe. Das stelle die Frage, warum der Mensch so sei, dass er so etwas tun könne. Die einzige Möglichkeit, ein solches schreckliches Erlebnis durchzustehen, sei die Gemeinschaft: "Wir müssen miteinander hoffen, und dürfen nicht verzagt sein!", appellierte Schlien.  

Vertreter der Kirchen drückten nach der Gewalttat ihre Solidarität aus und riefen zu Gebeten auf. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, äußerte sich bestürzt. Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, warnte in einer Stellungnahme vor Spekulationen, wie sie nach der Gewalttat in sozialen Netzwerken verbreitet wurden. Aus Angst und vorschnellen Verurteilungen dürfe kein Klima des Hasses geschürt werden, erklärte die stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

An dem Ort der Amokfahrt legten viele Menschen Blumen ab und steckten Kerzen an. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und NRW-Innenminister Reul (beide CDU) hielten bei ihrem Besuch schweigend im Gedenken inne und legten Blumen nieder. Laschet kündigte an, dass die Opferschutzbeauftragte der Landesregierung, Elisabeth Auchter-Mainz, nach Münster kommen werde. Sie werde den Familien und "jedem, der jetzt Hilfe braucht", zur Verfügung stehen, sagte er. Nach Angaben des Ministerpräsidenten sind auch Niederländer unter den Opfern. 

Hinweise auf Suizid-Absicht

Neben Seehofer hatten viele Bundespolitiker, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), den Angehörigen der Opfer Beileid und Anteilnahme übermittelt. Bei den Todesopfern handelt es sich nach Polizeiangaben um eine 51-jährige Frau aus dem Kreis Lüneburg und einen 65-jährigen Mann aus dem Kreis Borken. 

Die Polizei hält inzwischen eine Suizid-Absicht des 48-jährigen Amokfahrers für möglich. So gebe es Hinweise auf Hintergründe im persönlichen Bereich sowie auf Suizid-Absichten, erklärte Polizeipräsident Hajo Kuhlisch  in Münster. Durchsuchungen an den Wohnadressen des Mannes in Münster, Dresden und Pirna hätten bislang keine Anzeichen für einen politischen Hintergrund ergeben. Nach Informationen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung fand die Polizei in einer Wohnung des Mannes in Pirna zusätzlich ein älteres 18-seitiges Schreiben, das nachträglich als "klassische Ankündigung eines Suizids" gewertet werden könne. 

Der Mann hatte einen Campingbus in eine Menschenmenge vor einem Lokal in der Münsteraner Altstadt gesteuert. Dabei wurden zwei Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt. Der Fahrer erschoss sich noch am Ort des Geschehens. Notfallseelsorger und -begleiter betreuten Betroffene vor Ort. (epd)

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