Integrationsbetrieb in Berlin

Wie das Hotel Rossi junge Behinderte fit für den Arbeitsmarkt macht

20 von 50 Beschäftigten sind durch eine Behinderung beeinträchtigt. Dennoch muss sich das Berliner Hotel Rossi im Markt behaupten. Nach dem ersten Jahr wird nun Bilanz gezogen.

Im Hotel Rossi (v.l.): die Mitarbeiter Julian L. und Luis S., Sozialpädagogin Wiebke H. und Martin M., stellvertretender Restaurantserviceleiter

Im Hotel Rossi (v.l.): die Mitarbeiter Julian L. und Luis S., Sozialpädagogin Wiebke H. und Martin M., stellvertretender Restaurantserviceleiter Foto: Verena Mörath

von Verena Mörath

Berlin. Sechsgeschossig, ohne klotzig zu wirken, vielmehr elegant und modern: die "Botschaft für Kinder", ein Bildungs-, Ausbildungs- und Begegnungszentrum der Non-Profit-Organisation SOS-Kinderdorf in Berlin Moabit, nahe dem Hauptbahnhof. Integriert in das Gebäude ist seit einem Jahr das Hotel Rossi mit 28 Zimmern, mit modern ausgestatteten Tagungsräumen für gut 250 Gäste und einem Restaurant, das 70 Menschen regionale Küche bietet.

"Was kann ich für Sie tun?", fragt Julian R. mit einnehmendem Lächeln. Der 22-Jährige arbeitet als Service-Fachkraft im Restaurant Rossi. Er gehört zu den 20 der 50 insgesamt Mitarbeiter im Hotelbetrieb und in der Verwaltung mit einer Behinderung. Dazu kommen noch 36 Auszubildende in der Hauswirtschaft, im Housekeeping und Büromanagement, die ebenfalls ein Handicap haben. Das Hotel Rossi ist ein Integrationsbetrieb. Solche am Markt orientierte Wirtschaftsunternehmen beschäftigen zwischen 25 und 50 Prozent Mitarbeiter, die Behinderungen haben. Das schreibt das Gesetz vor. 

Niemand wird überfordert

"An diesem Wochenende sind wir zu 100 Prozent ausgelastet", sagt Marketing-Koordinatorin Barbara Winter. Mit einer Ausbildung im Hotel Rossi qualifizierten sich behinderte Menschen für den ersten Arbeitsmarkt. Ziel sei es, jungen Menschen trotz ihrer Beeinträchtigung ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu ermöglichen. 

"Wir garantieren Professionalität und hohe Qualität", betont Aboli Janine Lion, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. "Denn es käme nicht gut an, wenn 200 Tagungsgäste eine kalte Suppe löffeln müssten, wenn die Zimmer nicht im Topzustand wären." Dennoch gibt es Unterschiede zur herkömmlichen Hotellerie. Es muss sie sogar geben: Wiebke Hohenhaus sorgt als fest angestellte Sozialarbeiterin dafür, dass im inklusiven Hotelalltag kein Beschäftigter überfordert wird. Die Sozialarbeiterin vermittelt bei Konflikten, unterstützt bei Ängsten, hilft mit Tipps. Sie arbeitet auch neues Personal ein und stellt klar: "Für die Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen sind Empathie und Geduld eine wichtige Voraussetzung." 

Die Regel ist, dass Schichten möglichst mit Nichtbehinderten und Behinderten in einem gesunden Verhältnis besetzt werden. "So können wir Überforderungssituation sofort auflösen", erklärt der stellvertretende Serviceleiter Martin Müller. Im Hotel Rossi schätzt er vor allem den "gemäßigten Umgangston und dass aufgrund vorhandener Beeinträchtigungen mancher Mitarbeitenden Leistungsdruck nicht im Vordergrund steht".

Gäste mixen Cocktails selbst

Alle Mitarbeiter konnten, wenn sie wollten, einen Gebärdensprachkurs besuchen. Zu ihnen gehört auch Louis P., 22 Jahre alt und im Housekeeping tätig. "Heute kann ich mit einer Handbewegung einem gehörlosen Kollegen etwas sagen." Louis P. sagt über sich selbst: "Ich kann nicht besonders gut rechnen, deshalb wollte ich nicht als Servicefachkraft arbeiten." Nach nur einem Probearbeitstag ist er im Hotel Rossi geblieben. "Ich fühle mich richtig wohl, woanders müsste ich sehr schnell ein Zimmer fertig haben, aber ich bin nun mal langsamer als andere." 

Sein Freund Julian R. ist froh über das "vertrauensvolle Miteinander" im betrieblichen Alltag. Vertrauen gehört im Hotel Rossi einfach dazu, auch in die Gäste: Wer sich in der Sky-Bar im fünften Stock ein Cocktail selbst mixt, muss erst am nächsten Morgen beim Frühstücksteam bezahlen. (epd)

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