Zuschauermagnet beim Kirchentag

Die „Wise Guys“ über Gott und die Welt

Mit ihren A-Cappella-Liedern begeistern sie das Publikum bei Kirchentagen: die „Wise Guys“. Sänger Daniel Dickopf spricht im Interview über soziales Engagement, Glauben und verrät, was er sich von einem guten Gottesdienst wünscht.

Voller Einsatz: Die „Wise Guys“ beim Katholikentag in Regensburg im Mai 2014

Voller Einsatz: Die „Wise Guys“ beim Katholikentag in Regensburg im Mai 2015 Foto: Hanno Gutmann / epd

Herr Dickopf, die Wise Guys sind vielen Zuschauern durch ihre Auftritte bei Kirchentagen bekannt geworden. Da stellt sich natürlich die klassische Gretchenfrage...

Jeder von uns ist auf seine Weise dem Glauben verbunden – es gibt keinen, der extrem fromm wäre, aber auch niemanden, der damit überhaupt nichts anfangen kann.

Sie sind Katholik, waren lange Messdiener. Inwiefern haben Kirche und Glaube Sie geprägt?

Ich hatte eine sehr klare katholische Kindheit. Mein Vater war Religionslehrer, hat unter anderem bei Josef Ratzinger studiert. Der sonntägliche Kirchgang war ein selbstverständlicher Teil des Familienlebens, die Pfarrei wie ein zweites Zuhause. Jeden Mittwoch ging es in den Schulgottesdienst, und die Messdienerzeit war ein wichtiger Bestandteil meiner Jugend. Auf die Freizeiten in der Eifel freute man sich schon Monate vorher. Es war eine Riesengemeinschaft, in der vom Viertklässler bis zum Oberstufenschüler jeder seinen Platz hatte und tiefe Freundschaften entstanden sind. Ich bin für meine kirchliche Sozialisation extrem dankbar.

Sie haben zwei Söhne. Spielt der Glaube eine Rolle?

Auf jeden Fall. Beide sind getauft, Noah besucht einen katholischen Kindergarten, Felix eine katholische Grundschule – er hat gerade Erstkommunion gefeiert. Ich bin überzeugt, dass das Behütetsein in der Gemeinde, der Besuch der Gottesdienste und die kirchliche Jugendarbeit einem Kind auch heute noch ganz viel Halt geben können.

In einem irischen Segenslied wünschen die Wise Guys: „Sei über 40 Jahre im Himmel, bevor der Teufel merkt, du bist schon tot.“ Glauben Sie an ein ewiges Leben?

Ich liebe diese Zeile – es ist jedes Mal bewegend, sie zu singen. Die Vorstellung, dass mit dem Tod alles aus sein soll, finde ich bedrückend. Das kann ich mir schwer vorstellen. Ich hoffe und glaube auch, dass es ein Leben danach gibt. Viele intelligente Menschen der Zeitgeschichte haben das getan – und ich denke nicht, die waren auf dem Holzweg.

Wie stellen Sie sich Gott vor?

Ich glaube an einen Gott, der liebt und verzeiht, der nichts Bedrohliches oder Strafendes hat. Ich bin Christ und gerne katholisch, aber ich glaube, dass alle Konfessionen auf denselben Gott hinzielen.

Wer ist Ihr Lieblingsheiliger?

Einer, der offiziell gar keiner ist: Ich bewundere Dietrich Bonhoeffer, seinen Mut und seine aufrechte Haltung – als Katholik wäre er bestimmt schon längst heiliggesprochen. Noch in der Todeszelle „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ zu schreiben – das finde ich unglaublich faszinierend.

Seit über zehn Jahren gehören Sie zu den Zuschauermagneten bei allen großen Kirchentagen, haben drei der Mottosongs geschrieben. Und das, obwohl keiner der Wise-Guys-Texte explizit christlich ist. Wie können Sie sich das erklären?

In vielen unserer Lieder geht es um Gemeinschaft und eine positive, humorvolle Einstellung zum Leben, die sich in vielen Punkten mit der christlichen Botschaft deckt und offenbar mit der Haltung vieler Kirchentagsbesucher kompatibel ist. Aber wir wollen unsere Überzeugungen auf keinen Fall heraushängen lassen oder gar anderen aufzwingen.

Nun sind ja nicht alle Ihre Fans gläubig. Gab es auch Kritik, dass Sie sich bei kirchlichen Großveranstaltungen engagieren?

Unsere Fans haben uns dafür nie angegriffen. Das Problem sind eher Medienvertreter, die uns wegen unserer Auftritte auf Kirchentagen in die Schublade „brav, lieb und langweilig“ einsortiert haben.

Sich zum Glauben zu bekennen, ist heute mutig. Durch die vielen Skandale ist die öffentliche Meinung bezüglich der Kirche distanziert bis feindselig...

Wenn Dinge passieren, die Anfeindungen rechtfertigen, macht mich das zornig. Aber es ist auch traurig, wenn alles über einen Kamm geschoren wird. Das Internet macht es leicht, anonym Kübel voller Hass auszuschütten. Natürlich gibt es in der Kirche eine Menge zu kritisieren, aber eben noch sehr viel mehr Positives. Ich kenne weltweit keine Institution, die so viel Gutes tut.

Stichwort Kritik: Wo sehen Sie in der katholischen Kirche den größten Veränderungsbedarf?

Für mich ist unverständlich, warum Frauen nicht Priester werden sollen – ich glaube nicht, dass das rational zu begründen ist. Was den Zölibat angeht, habe ich Respekt vor der Haltung, zugunsten der Gemeinde bewusst auf Partnerschaft und Kinder zu verzichten. Aber diese Entscheidung fällt oft sehr früh und sollte freiwillig sein, weil sie sich später manchmal doch als falsch erweist. Und es gibt tolle evangelische Pfarrer, die zeigen, dass man auch mit Familie ein guter Seelsorger sein kann.

Was wünschen Sie sich von einem guten Gottesdienst?

Dass man Texte und Predigten zu hören bekommt, die Anregungen für das eigene Leben geben. Und dass einen die Musik im Herzen bewegt. Das ist ein wichtiger Teil des Gottesdienstes. Ich liebe zum Beispiel Bach, wie er gezielt die Orgel einsetzt, alle Register zieht, dann wieder leise wird. Und ich mag Organisten, die mit kreativen Harmonien gut begleiten können.

Was sind Ihre Lieblingsstücke im Gesangbuch?

Bachs „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, „Großer Gott“ und zu Weihnachten „Menschen, die Ihr wart verloren“ – das funktioniert aber nur, wenn der Organist gut ist. Udo Jürgens hat uns mal gesagt: Der Deutsche verwechselt Pathos und Kitsch. Gegen Pathos spricht nichts, das ist positiv und wichtig – in der Kirchenmusik genauso wie bei unseren Liedern.

Apropos Kirche und Musik: Ihre Band tritt seit 2012 auch in Gotteshäusern auf. Was hat es mit den Kirchenkonzerten auf sich?

Wir singen vor allem ruhigere Sachen, die mit der Akustik der Gebäude harmonieren. Es gibt keine Lichteffekte oder Hampelei, kaum Verstärkung: Die Zuschauer können sich ganz auf die Stimmen konzentrieren – eine Reduktion, die gut ankommt.

Gibt es Gotteshäuser, denen Sie besonders verbunden sind?

Als Kölner natürlich unserem Dom. Immer wenn ich da vorbeikomme, schaue ich hoch, halte inne oder gehe kurz rein. Auf der Autobahn sieht man ihn schon von Weitem – da geht einem das Herz auf. Außerdem die Kirche meiner Heimatgemeinde St. Nikolaus und die katholische Kirche auf Borkum, wo ich als Kind oft gewesen bin und noch gerne zum Songschreiben hinfahre.

Seit über zehn Jahren werben Sie bei Konzerten aktiv für Hilfsprojekte von Misereor. Wieso?

Wir sind reich beschenkt, dass wir unser Hobby zum Beruf machen durften und viele Menschen erreichen. Wenn wir die Öffentlichkeit nutzen, um auf gute Initiativen aufmerksam zu machen und Geld dafür zu sammeln, bricht uns kein Zacken aus der Krone. Und von Misereor sind wir total begeistert – von den Grundprinzipien genauso wie von den Verantwortlichen, die vorleben, was sie predigen. Wenn man mich als Katholik angreift, sage ich: Schau dir mal die Arbeit von Misereor an, ob du dann noch meckern kannst! Wir unterstützen ein Straßenkinder-Projekt in Indien und in Südafrika eine umweltfreundliche Farm mit einem Kinder- und Jugendzentrum. Außerdem die Aktion „Weltbessermacher“, bei der Kinder und Jugendliche den Spaß am sozialen Engagement erleben und weitergeben sollen.

Mit „Engel“ und „Dankbar für die Zeit“ gab es zuletzt ungewohnt ernsthafte Lieder. Wie sieht es beim Album „Läuft bei Euch“ aus, das gerade erschien?

Wir sind zu alt, um nur rumzublödeln. Im Song „Tim“ geht es etwa um einen wahren Fall, bei dem sich ein gemobbter Junge umgebracht hat. Das ist heftig – auf die Reaktionen bin ich gespannt. Ein anderes Lied handelt vom Phänomen des „Gaffens“. Aber keine Sorge – der Spaß kommt nicht zu kurz.

Das Interview führte Tobias Wilhelm.

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