Protestantische Theologen ringen um die Zukunft der Kanzelrede

Die Predigt auf dem Prüfstand

"Wie war's?" Jeden Sonntag wieder diskutieren Gottesdienst-Besucher über die Qualität der Predigt. Angesichts eines digitalen Überangebots an Information scheint die große Zeit der Kanzelrede vorbei. Oder doch nicht?

Um die Art der Predigt wird debattiert

Um die Art der Predigt wird debattiert Foto: Norbert Neetz / epd

von Lothar Simmank

Hannover. Die Debatte um die Predigt ist alt: Wurden wieder Fragen beantwortet, die keiner gestellt hat? War der Mensch auf der Kanzel authentisch, oder warf er nur mit Floskeln um sich? Wurde mein Glaube gestärkt? Wurde Hilfe zum Leben vermittelt? Ist etwas hängengeblieben? 

Für Martin Luther war das gepredigte Wort unverzichtbares Medium zum Verständnis des Evangeliums. Seine Predigten erklärten in bis dahin unbekannter Weise die Welt und das Verhältnis zu Gott. Das war neu und rüttelte die Menschen auf. Pastoren gelingt es heute aber immer seltener, mit Predigten Aufsehen zu erregen. Die große Zeit dieser Form scheint vorbei zu sein. 

Fast ausgestorben sind rhetorisch wortgewaltige – aber auch umstrittene – Erweckungsprediger wie der in diesem Jahr verstorbene Billy Graham. Allenfalls die frühere hannoversche Bischöfin Margot Käßmann sorgt in ihren Reden immer mal wieder für Aufsehen. Ihre Neujahrspredigt 2010 mit dem Satz "Nichts ist gut in Afghanistan" löste nachhaltigen politischen Trubel aus. 

Nicht zu politisch, bitte!

Sonntag für Sonntag bemüht sich in den mehr oder weniger gut gefüllten Kirchen die evangelische Pfarrerschaft mit meist viertelstündigen Ansprachen um ihr Publikum. Sie sollten es lassen, findet Hanna Jacobs. Die junge Theologin machte Ende Oktober in der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt" unter der Überschrift "Schafft die Predigt ab!" mit ihrer Zunft kurzen Prozess. 

Der Tutzinger Akademiedirektor Udo Hahn antwortete ihr, die Predigt sei eine Kernkompetenz des Protestantismus und müsse bleiben. "Abschaffen ist kapitulieren", kommentierte auch Ulf Poschardt, Chefredakteur der "Welt", der sich 2017 in einem Tweet über eine seiner Meinung nach zu politische Weihnachtspredigt aufgeregt hatte. 

Um bessere und originellere Predigten bemüht sich der Bonner ökumenische Predigtpreis, der 2000 erstmals vergeben wurde. So unterschiedliche Kandidaten wie der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch (1925-2005), der evangelische Theologe und Bestseller-Autor Jörg Zink (1922-2016), der Theologieprofessor Eberhard Jüngel oder der CDU-Politiker Norbert Lammert zählen zu den Preisträgern. Die Qualität der Predigt auf breiter Basis hat freilich auch diese Institution nicht nachhaltig verbessern können.

Die Haltung entscheidet

Der emeritierte Bonner Theologieprofessor Reinhard Schmidt-Rost muss als Jury-Mitglied viele Predigten lesen. Ein evangelischer Gottesdienst ohne Predigt ist für ihn nicht vorstellbar: "Eine gute Predigt leistet eine differenzierte Wahrnehmung der Lebenssituationen, sie soll Lebensdeutung und Orientierung im Geist Jesu Christi bieten", so Schmidt-Rost. Dazu brauche sie eine "zu Herzen gehende sprachliche Gestaltung von Erfahrungen", was viel Vorbereitungszeit in Anspruch nehme. Diese Aufgabe müssten die Pfarrer ernst nehmen, sonst verkomme "die Gemeinde der Heiligen zu einer Gemeinde der Eiligen", mahnt der Theologe.

Der Streit um die Predigt hat inzwischen die Ausbildungsstätten erreicht. Als Fachdisziplin der Praktischen Theologie nimmt die Homiletik in der Ausbildung der Pastoren viel Raum ein. Auch nach der Uni werden Vikare weiter in der Predigtlehre geschult. Professor Lutz Friedrichs leitet das Evangelische Studienseminar Hofgeismar, das bis vor kurzem noch "Predigerseminar" hieß. Dort durchlaufen die Pfarramtskandidaten der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck ihre letzte Ausbildungsphase vor der Ordination. 

"Gearbeitet wird am Handwerk, an der Stimme, am Aufbau einer Rede, an einer verständlichen Sprache", zählt Friedrichs die Lernziele auf. "Aber entscheidend ist die Haltung. Deshalb steht an erster Stelle das Zuhören. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Gelingen einer Predigt von der Fähigkeit abhängt, zuhören zu können." 

Religiöse Rede auf Augenhöhe

Dem Seminarleiter ist wichtig, dass die Vikare Gesellschaft und Kultur um sie herum wahrnehmen: "Wir lesen mit ihnen das Leben und ermutigen sie, sich nicht hinter Formeln und Floskeln zu verstecken. Sie sollen sich in ihren Predigten auf die Menschen einlassen und sich als Person zeigen, die mit Fragen des Glaubens ringt, die selbst Zweifel hat, die nicht immer schon eine Antwort hat." 

Professor Friedrichs warnt seine Vikare davor, als "große Antwortgeber" aufzutreten. Als Ausbilder ist er davon überzeugt, dass die Zeit der klassischen Kanzelpredigt – von oben herab – vorbei ist. Die Predigt werde in postsäkularer Zeit zu einer "religiösen Rede auf Augenhöhe", so seine Einschätzung. Besondere Anlässe wie Gedenktage oder auch Bestattungen zeigten aber, dass es nach wie vor ein Bedürfnis nach guten Predigten gebe, allerdings bezogen auf gesellschaftliche oder biografische Anlässe. Davon könne die Sonntagspredigt lernen, sagt der Seminardirektor. (epd)

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